20. Juni 2016

Montagsfrage: »Magst und liest du Gedichte und Gedichtbände?«

John Maynard!
»Wer ist John Maynard?"«
»John Maynard war unser Steuermann,
aushielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard. [...]«

– Theodor Fontane –


Erst vor ein paar Tagen habe ich abends versucht, die Ballade »John Maynard« von Theodor Fontane aus dem Gedächtnis aufzusagen. Es hat zwar nicht zu 100 Prozent funktioniert, aber ich konnte mich an relativ viel erinnern - ist ja auch eines meiner Lieblingsgedichte. Wie Buchfresserchen eine besondere Beziehung zur Ballade »Der Erlkönig« hat, habe auch ich eine besondere Beziehung zu »John Maynard«. Es ist so dramatisch, heroisch, aufopferungsvoll und traurig, dass ich beim Lesen immer noch eine Gänsehaut bekomme.

Ich habe als Schülerin oft im »Großen Balladenbuch« gelesen und mochte es sehr, da Balladen mit ihrer Längen ausgezeichnete Geschichten erzähle konnten. Ich war aber zugleich fasziniert von Gedichten als auch genervt. Das liegt daran, dass wir der Schule nicht einfach so Gedichte gelesen haben, sondern sie wurden tot analysiert - die Schönheit der Sprache war eher zweitrangig.


Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten. [...]
– Gottfried Benn – 

Und dann kamen die expressionistischen Gedichte von Gottfried Benn - er war nicht nur Dichter, sondern auch Arzt und seine Gedichte (bis 1933, nach 1945 haben seine Gedichte einen ganz anderen Ton und sind eher romantisch) haben mich von der ersten Begegnung an fasziniert, weil sie so offensiv mit de Tod, Verwesung und Krankheiten umgehen. Das passte zur Zeit und zur dreckigen Großstadt, die heute noch genauso dreckig ist - ich liebe sie nichtsdestotrotz.

Heute mag ich Gedichte immer noch sehr gerne, aber ich lese sie fast nie - was unglaublich schade ist. Wenn ich mein Bücherregale umsortiere, blättere ich immer in Pablo Nerudas »In deinen Träumen reist dein Herz«, was ich unglaublich schätze, da ich seine Gedichte und vor allem seine Sprache liebe. Generekk mag ich lateinamerikanische Lyriker sehr gerne.

Hinzu kommt, dass Gedichtbände meistens sehr schön illustriert sind und aufwendig hergestellt sind, was im Buchregal wunderbar aussieht und ein Augenschmaus ist. Gerade für Kinder versuchen die Verlage, wie der Kindermann Verlag, schön illustriert Ausgaben herauszubringen, da kurze Gedichte und Balladen der ideale Einstieg in Literatur ist - eine kleine abgeschlossene Geschichte.

Aber für Lyrik braucht man Zeit und muss in der Stimmung sein, darum könnte ich nicht ein Gedichtband innnerhalb einer Woche lesen, sondern immer mal blättern und sich treiben lassen. Vielleicht sollte ich einfach mal ein kleinen Band auf meinen Nachttisch legen und abends zum Einschlafen immer eins lesen.

Also ja, ich liebe Lyrik, lese sie aber sehr unregelmäßig - das sollte sich schleunigst ändern.


Rechte: Buchfresserchen 

Kommentare:

  1. Oh je, John Maynard! konnte mein beste Freundin zu Schulzeiten auch aus dem Stegreif aufsagen. Mir gefällt es sehr, was Du über Kinder und Gedichte geschrieben hast. Vor allem haben Kinder auch viel Spaß am Wortspiel.

    Mir geht es wie Dir. Lyrik braucht ihre Zeit und die Stimmung dazu.

    Ein schöner Beitrag. :-)

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  2. Stimmt, Illustrationen sind wichtig :-) Benn ist mir ein bisschen zu morbide xD Aber ich habe ihn überwiegend durch die Montagsfrage "kennengelernt".

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    1. Dann sind die späteren Gedichte von Benn vielleicht etwas für dich, die sind nicht so morbide...

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