3. Juni 2016

Hörbuch: Listening to Books # 2

Jaja, ich weiß, man sollte nicht immer wieder versprechen, dass regelmäßig Beiträge erscheinen und dann mehrere Monate immer nur die Monatgsfrage beantworten. Aber um ehrlich zu sein, gibt es einfach Zeiten in denen ich keine Lust und Muße habe, Artikel zu schreiben. Denn es ist Arbeit und nimmt Zeit in Anspruch. Außerdem möchte ich, so gut wie es mir möglich ist, Beiträge verfassen und meine Selbstkritik steht da doch oft neben mir und sagt, dass ich das so auf gar keinen Fall schreiben und veröffentlichen kann.

Auch habe ich einige Zeit gebraucht, um realistisch einschätzen zu können, wie oft ich Beiträge fertig bekommen kann und muss mir jetzt eingestehen, dass ich in der Woche höchstens drei schaffe. Die Realität hat zum Idealismus gesagt, dass sie jetzt hier wohnt und ich muss das akzeptieren. Denn das Schreiben soll mich (und euch) glücklich machen, Druck brauche ich da nicht. Und es werden Wochen kommen, in denen nicht so viel passiert, das ist dann eben auch so.

Allerdings habe ich in den letzten Monaten, in denen ich keine Beiträge auf meinem Blog verfasst habe, trotzdem fleißig Hörbücher und Hörspiele konsumiert. So habe ich in diesem Jahr mal wieder mit »Harry Potter und der Stein der Weisen« angefangen, da eine Freundin die neue Lesung mit Felix von Manteuffel sehr empfohlen hat und ich muss ihr recht geben. Immer wieder schön in die Welt abzutauchen. Wenn ich alle sieben Hörbücher gehört habe, werde ich mir die englischen Variante, gelesen von Stephen Fry, ausleihen. Einmal im Jahr muss Harry Potter schon sein.

Auch habe ich auf dem Instagramaccount vom Hörverlag Agatha Christie Hörbücher entdeckt und musste in der Bibliothek einfach zugreifen. Ich habe schon »16 Uhr 50 ab Paddington« gehört und war ein bisschen verwirrt, da es so viele unterschiedliche Charaktere gab, die alle ein Motiv hatten. Am Ende war ich dann doch überrascht, als Miss Marple den/die Täter/in entlarvt hat - für zwischendurch ein ganz nettes Hörbuch.

Kommen wir aber endlich zu den vielen Hörbüchern, die mich am Ende des letzten Jahres und in den ersten Monaten in diesem Jahr viele Stunden begleitet haben - sehr unterschiedlich, vor allem in der Länge. Heute die ersten zwei, sonst werden die Beiträge zu lang:

Rechte: Der Hörverlag
Im letzten Herbst war das neue Buch von Jonathan Franzen in aller Munde. Da es zu großen Teilen in Berlin zur Zeit der Teilung spielt und die Besprechungen so vielfältig waren, wollte ich es unbedingt hören. Ich schlich in der Buchhandlung meines Vertrauens immer wieder um das Buch herum und auch auf der Buchmesse zog mich der Stand vom Hörverlag automatisch in seinen Bann, denn da stand es ganz unschuldig.

Erstmals verlässt Jonathan Franzen sein gewohntes Terrain Amerika und taucht ein in die deutsche und europäische Geschichte. Dabei beginnt das Hörbuch mit der jungen Mitte 20 jährigen Amerikanerin Pip (eigentlich Purity), die ein bisschen verloren durch ihr Leben irrt. Sie hat einen langweiligen Job und eine irre Mutter, von der sie weder weiß, wer ihr Vater ist noch wie alt sie ist. Warum ihr das alles verheimlicht wird, weiß Pip auch nicht. Eines Tages wird ihr ein Praktikum bei dem großen Whistleblower Andreas Wolf in Bolivien angeboten. Dieser verspricht ihr, dass er das Geheimnis um ihren Vater durch seine Ressourcen lüften könnte. Und so begibt sich Pip auf die Reise nach Südamerika. Gleichzeitig tauchen wir mit Andreas Wolf in die Zeit um 1988/89 ab und erfahren von seinem dunklen Geheimnis, dass er in einem schwachen Moment einem amerikanischen Journalisten erzählt hat. Natürlich sind alle drei Lebensläufe auf die eine oder andere Weise miteinader verbunden...

Dieses Hörbuch ist etwas für den Profi, denn mit 26 Stunden muss man schon eine Menge Zeit mitbringen und Geduld haben. Es gibt ein Kapitel, welches allein schon 10 Stunden in Anspruch nimmt und auch ich hatte am Ende das Gefühl wirklich etwas geschafft zu haben.

Es wird sehr episodenhaft und nicht chronologisch erzählt, was ich sehr mag. So blieb die Spannung bis zum Ende erhalten. Mit zwei ausgezeichneten Hörbuchsprechern macht das Hören wirklich Spaß, dennoch hat die Geschichte einige Längen. Dies mag daran liegen, dass Franzen sehr Detail versessen ist und unglaublich ausführlich erzählt. Das muss man mögen, bekommt für seine Geduld aber auch ausführliche Charakterstudien präsentiert.

Ich hatte den Eindruck, dass er sich mit der Wendezeit und dem Untergang der DDR gut auskennt, dennoch waren einige Details nicht richtig, was mich ein bisschen gestört hat. Hinzu kam, dass über diese lange Zeit die Spannung bzgl. des Vaters aufgebaut wird und das am Ende untergeht. Ich konnte es gar nicht fassen, wie trivial das Buch endet. Ich musste noch mal den letzten Track hören und war verwirrt.

»Unschuld« war meine erste Begegnung mit Jonathan Franzens Werk und es hat mich mit Abstrichen überzeugt. Aber ich glaube auch, dass mir die Vorgänger ein bisschen besser gefallen könnten, da diese in Amerika spielen und ich nicht so sehr kritisch sein kann. Ich kenne mich zu gut in der Geschichte der DDR aus und es ärgert mich dann, wenn was falsch erzählt wird. Es wird bestimmt nicht mein letztes Hörbuch von ihm sein, denn spannend war es allemal, obwohl ich den Vergleich von DDR und Internet nicht so ganz nachvollziehen konnte.

PS: Warum der Roman im Deutschen »Unschuld« heißt, hat sich mir auch nach dem Hören nicht erschlossen. Die Protagonistin heißt »Purity«, wie der Roman im amerikanischen Original - Reinheit. Hinzu kommt, dass alle Charaktere ständig, wirklich immer von Reinheit sprechen und nicht von Unschuld. Ich finde auch, dass es einen Unterschied zwischen Unschuld und Reinheit gibt und unschuldig ist Purity wirklich nicht.

RAHMENDATEN
Titel: »Unschuld«
Sprecher: Sascha Rotermund und Walter Kreye
Hörbuch: September 2015 - 26,99 € (Der Hörverlag) - ISBN 978-3-8445-1962-4
Umfang: 4 mp3-CDs (1560 Minuten/26 Stunden)
Gebundene Ausgabe: September 2015 - 26,95 € (Rowohlt) - ISBN 978-3-498-02137-5
Originalsprache: englisch (»Purity«)
Nominierungen/Preise: ---


An dieser Stelle danke ich dem Hörverlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
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Rechte: Hörbuch Hamburg
Nach den 26 Stunden mit Jonathan Franzen brauchte ich erst mal eine kleine Hörbuchpause. Im Anschluss kam es mir sehr gelegen, dass das Jugendbuch »Raum« frisch verfilmt wurde und Mitte März bei uns im Kino anlief. Da ich meistens versuche, vor dem Kinobesuch Literaturverfilmungen zu hören und ich nur positives über Buch/Film gehört hatte, lieh ich mir das Hörbuch kurzerhand in der Bibliothek aus und hörte es in wenigen Tagen.

Jack feiert seinen fünften Geburtstag zusammen mit Ma in Raum. Dort leben beide auf 16 qm. Dort ist Jack geboren worden, hat seine vorangegangen Geburtstage zelebriert und war noch nie draußen - eine immer verschlossene Tür verhindert dies. Für Jack ist nur Raum existent, die Gegenstände in ihm und seine Mutter. Alles was außerhalb geschieht, was er im Fernsehen sieht, ist für ihn Fiktion. Dann jedoch erklärt ihm seine Mutter eines Tages, dass es ein Leben hinter der Tür gibt, es Menschen gibt, die Ma vermissen und die Welt größer ist als die paar Quadratmeter...und beide planen die Welt zu entdecken.

Beim Hörbeginn fällt zunächst auf, dass die Autorin eine ganz besondere Sprache verwendet hat, denn alles wird aus der Sicht des fünfjährigen Jacks erzählt. Dazu gehört seine Naivität gegenüber der Situation, seine Angst und seine Liebe zu seiner Mutter und den Gegenständen im Raum. So spricht er alle Gegenstände ohne Artikel an (»Es ist dunkel in Schrank.«) und erzählt den Figuren im Kinderfernsehen, wie er seine Tage erlebt. Die Gegenstände und die Fernsehcharaktere sind nicht nur einfach so da bzw. nebensächlich, sondern es sind seine Freunde. Ein einfaches sprachliches Mittel, was auf mich zunächst befremdlich wirkte und später so passend zur Situation war. Denn allen erwachsenden Hörerinnen ist klar, warum diese beiden in dem Raum sind und warum sie unbedingt raus müssen.

Die Beschreibungen des Raums sind sehr gelungen und die Geschichte ist spannend erzählt und konnte mich relativ schnell in ihren Bann ziehen, was mir nicht so oft bei Jugendbüchern passiert. Meistens ist das Themenspektrum doch sehr beschränkt und vorhersehbar, hier nicht. Aus diesem Grund habe ich es so schnell gehört, ich konnte das Ende kaum abwarten und es hat mich nicht enttäuscht, war gar nicht trivial, sondern es endete mit einer wunderbaren Erkenntnis.

Dazu kam, dass Matthias Brandt ein ausgezeichneter Vorleser ist. So kann er sowohl den kleinen Jack glaubhaft sprechen lassen, als auch dessen Mutter. Dabei ist seine Stimme wirklich angenehm zu hören, unaufdringlich und spannend, wenn es der Situation entsprechend nötig ist.

Eine wirklich sehr außergewöhnliche Geschichte, die an wahre Begebenheiten angelehnt ist, die es schafft in keiner Weise seltsam und unangenehm zu sein, sondern den Leserinnen die Möglichkeit gibt, mitzudenken und die Mut hat, Dinge wegzulassen.

PS.: Die Verfilmung mit Brie Larson als Ma und Jacob Tremblay als Jack (beide herausragend) fand ich auch sehr gelungen und hat mich ein zweites Mal mitgenommen. Auch hier wird aus Sicht von Jack erzählt, leider hat es das sprachliche Mittel nur in einem kleineren Umfang in den Film geschafft. Aber das Ende war genauso gestaltet. wie im Buch und das war wunderbar.

RAHMENDATEN

Autorion: Emma Donoghue
Titel: »Raum«
Sprecher: Matthias Brandt
Hörbuch: August 2011 - 19,99 € (Hörbuch Hamburg) - ISBN 978-3-86952-090-2
Umfang: 5 CDs (385 Minuten)
Taschenbuchausgabe: November 2012 - 9,99 € (Piper) - ISBN 978-3-492-30129-9
Originalsprache: englisch (»Room«)
Nominierungen/Preise: Irish Book Award und Rogers Writers’ Trust Fiction Prize

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