9. Juni 2016

Buch: Graphic Novel - my love # 3

Ich liebe die Bibliotheken in Berlin. Wir haben den großen Vorteil, dass alle Stadtteilbibliotheken und die zentralen Bibliotheken miteinander verbunden sind. So kann man überall seine Sachen zurück geben, sich die Medien in die Wunschbibliothek und sogar nach Hause liefern lassen. Hinzu kommt, dass alles im Internet verlängerbar und bestellbar ist - ganz wunderbar. Ich gehe schon ewig in die Bibliothek und entdecke immer noch neue Sachen. Ich mag den Geruch, die Idee des Teilens und bin einfach sehr gerne ein Teil davon.

Ich habe in meiner wohnungsnahen Bibliothek sogar einen eingeübten Rundgang - erst die Neuerscheinungen, dann die Kinderhörbücher, anschließend nach hinten durchgehen zu den Krimis und schauen, ob der Donna Leon Teil da ist, den ich brauche, um ganz hinten bei den Graphic Noveln zu landen.*

Als ich in der letzten Woche in mein heimisches Ausleihregal geschaut habe, stellte ich fest, dass dieses zu fast 80 Prozent aus Graphic Novels besteht und ich doch wieder intensiver Comics lesen sollte. Für mich ist es nämlich immer eine Enttäuschung Bücher zurück zu bringen, ohne dass ich sie gelesen habe - Vorteil der Graphic Novel ist, dass ich sie in maximal zwei Tagen durch habe. So stelle ich euch zwei vor, die zwar sehr unterschiedliche Themen haben, aber mir beide sehr viel beigebracht haben.

Rechte: Knaus Verlag
Es gibt immer mal wieder einzelne Werke im Bereich Graphic Novel, die es schaffen von der breiten Öffentlichkeit beachtet zu werden. Dazu gehört unter anderem der Klassiker »Die vollständige Maus« von Art Spiegelmann oder auch die Werke von Mawil (bspw. »Kinderland«). Im letzten Jahr kam dann der erste Teil von Riad Sattoufs angelegter Biografie »Der Araber von morgen« hinzu, welche in diesem Jahr endlich fortgesetzt wurde.

Im ersten Teil erzählte Sattouf die Geschichte, wie sich seiner Eltern kennen lernten, wie er seine eigenen ersten sechs Jahre verbrachte und wie er den ständigen Kulturwechsel erlebte - die Familie zog von Frankreich über Libyen nach Syrien. 

An diesem Punkt knüpft der zweite Teil direkt an. Die Familie lebt jetzt fest in Syrien und Riad ist inzwischen schulpflichtig geworden. Es müssen ein Schulranzen und eine -uniform besorgt werden und dann muss nur noch die Angst vor den Mitschülern und vor allem der Klassenlehrerin überwunden werden. Mit seinen Cousins streift er durch die Dörfer, entdeckt und erforscht. Und auch die Sprache fällt von Monat zu Monat leichter, nichtsdestotrotz wundert sich Riad immer noch über das Heimatland seines Vater. Dieser ist trotz Mangelwirtschaft und dem Personenkult um Hafiz al-Assad immer noch vom Aufbau des Landes überzeugt und dabei unfassbar positiv, fast genauso naiv wie sein Sohn. Derweilen sitzt seine Mutter im unfertigen Haus mit der kleinen Schwester und langweilt sich.

Wie im ersten Teil sind die unterschiedlichen Länder mit verschiedenen Farben unterlegt - Frankreich blau und Syrien rot. Dies spielt in diesem Teil eine untergeordnete Rolle, da die Geschichte die meiste Zeit in Syrien spielt. An einigen Stellen scheint diese Idee dennoch durch, wenn Assad beispielsweise im Fernsehen spricht, sind seine Aussagen grün unterlegt. Ich mag die Idee immer noch sehr gerne und hoffe, dass sie in den weiteren Teilen wieder häufiger verwendet wird - umziehen wird die Familie bestimmt noch einige Male.

Die Bilder und die dazugehörigen Texte sind relativ klassisch angeordnet, zwischen den einzelnen Bildern sind klare Abgrenzungen  und generell ist es sehr strukturiert. Der Zeichenstil und das Lettering sind aufeinander abgestimmt und passen zur kindlichen Sichtweise.

Die ungewöhnliche, naive Sicht, die mich im ersten Teil noch störte, weil ich nicht glauben konnte, dass man sich an so viele Details aus seinem sehr frühen Leben erinnern konnte, fand ich jetzt ganz wunderbar. Im Mittelpunkt der Geschichte steht so der Alltag der Familie und das Heranwachsen des Protagonisten. Nur an einigen Punkten, ganz versteckt, erfährt man etwas über die politischen Situation, die Lebensumstände und den gesellschaftlichen Wandel. Mit diesem Coup gelingt es Sattouf einen neuen Blick auf die Geschichte Syrien zu werfen, in dem die Menschen und nicht die Politik im Mittelpunkt stehen.

Die Geschichte ist dabei so herzlich, witzig und man kann so gut mit dem heranwachsenden Riad nachfühlen - denn erwachsen werden ist immer schwer. Sattouf zeigt uns, was es heißt in verschiedenen Kulturen zu leben, Unterschiede lustig zu finden und zu akzeptieren, dabei aber trotzdem freundlich bzw. respektvoll miteinander umzugehen. Auch diesen Teil braucht die Welt ganz dringend, um andere Kulturen zu verstehen und über den Tellerrand zu schauen.

Mir hat der zweite Teil deutlich besser gefallen, weil er zum einen nicht durch die Jahre hetzt und zum anderen persönlicher und viel mehr beobachtender ist.

RAHMENDATEN

Autor: Riad Sattouf
Hardcover: Februar 2016 - 19,99 € (Knaus) - ISBN 978-3-8135-0724-9
Umfang: circa 160 Seiten
Originalsprache: Französisch (L'Arabe Du Futur. Une Jeunesse auf Moyen Orient 2)
Nominierungen/Preise: ---


An dieser Stelle danke ich dem Knaus Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.
 
* Ach ja, anschließend schlendere ich natürlich noch kurz bei der Schönen Literatur vorbei, checke schnell noch, ob es interessante DVDs gibt und linse am Ende ins Hörbuchregal.

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Rechte: Egmont Verlag


Um die Fluht an Neuerscheinungen besser einteilen zu können, werden diese in einzelne Genres unterteilt. Sinn und Zweck hierbei ist der Leserin einen kleinen Anhaltspunkt zu geben, welche Bücher ihr wohl gefallen werden. Das erfüllt durchaus seine Aufgabe, dennoch ist ein Gesellschaftsroman nicht gleich ein Gesellschaftsroman - die Unterteilung und Ordnung ist sinnvoll, aber gleichzeitig werden unter einem Genre die unterschiedlichsten Werke zusammengefasst.

So gehört der Ausschnitt aus Ellen Forneys Biografie zum Genre Graphic Novel, könnte aber auch in der Abteilung Psychologie/-therapie stehen und ist ganz anders als »Der Araber von morgen«. In der Bibliothek hat mich nur das Cover angesprochen und erwartete habe ich eigentlich nicht viel. Schlussendlich hat es mich umgehauen und ich habe so viel über bipolare Störung gelernt.

Seit sie sich vor einem Jahr ein bisschen niedergeschlagen gefühlt hatte, geht Ellen zu einer Sozialarbeiterin/Therapeutin. Nachdem sie ihr erzählt, dass sie sich spontan ein Tattoo über den gesamten Rücken stechen hat lassen in einer sehr kreativen und glücklichen Phase, glaubt diese, dass es sich hierbei nicht nur um eine kurze Phase von Depressionen handelt und überweist sie an eine Psychiaterin.

Bei einer dieser Sitzung holt diese den DSM (Handbuch, in dem sämtliche psychischen Störungen aufgeführt sind mitsamt Symptomen) heraus und bestätigt ihren Anfangsverdacht - Ellen ist manisch-depressiv. Nun begingt eine vier Jahre andauernde Leidensgeschichte, in dem sich Ellen fragt, was sie ausmacht, welche Medikamente sie wie verträgt und ob sie unter deren Einfluss überhaupt noch kreativ sein kann.

Die Beschreibung der einzelnen Phasen sind ganz anrührend und es ist ihr wirklich gelungen, dass man alles sehr gut nachvollziehen kann. Die Hochphasen empfindet Ellen zunächst als Glück, da sie nur so vor Energie sprüht. Aber darauf folgt die Tiefphase, in der sie so traurig und niedergeschlagen ist, dass sie es wochenlang nur mit höchster Anstrengung aus dem Haus schafft. Später hat sie regelrecht Angst vor allem vor den Hochphasen. Immer wieder werden die Medikamente umgestellt, damit beide Phasen unter Kontrolle gebracht werden. Sich fragt sich kontinuierlich, was diese mit ihre Kreativität anstellen werden. Und sie beschäftigt sich mit anderen berühmten Persönlichkeiten, die auch diese Krankheit hatten und fragt sich: Besteht ein Zusammenhang zwischen bipolarer Störung und Kreativität?

Ellen Forney geht hierbei ganz offen mit allen Peinlichkeiten und Enttäuschungen um, was mich am allermeisten beeindruckt hat. Dabei wurde sie auf ihrem langen Weg von Familie und Freunden unterstützt und hat trotz allem nie ihren Lebensmut und -willen verloren.

Diese Graphic Novel ist so anders und dabei so wunderbar. Beim Lesen entdeckt man kreative Assoziationsketten, Aufzählungen von Symptomen, Listen über Künstler, die (vermutlich) die gleiche Erkrankung hatten, Faksimiles von gezeichneten Figuren, die als Art Tagebuch dienen und wissenschaftliche Artikel. Alles ist wirr und manchmal zusammenhangslos angeordnet, die einzelnen Bilder werden aufgebrochen und es werden verschiedene Schrift- und Zeichenstile benutzt. Das ist nicht so leicht zu lesen, aber man gewöhnt sich daran und es passt einfach zum Thema.

Ellen Forneys Graphic Novel ist eine Geschenk mit dem man nie gerechnet hat und sich dann umso mehr darüber freut. Wer sich für das Thema interessiert und dabei nicht die dicken Fachbücher wälzen möchte, findet hier ein guten ersten Einstieg (mit wissenschaftlicher Fachliteratur im Anhang). Ich habe das Gefühl, nicht nur mehr theoretisches Wissen über diese Krankheit zu haben, sondern ich habe gelernt, wie lange es für die Betroffenen dauert, es zu akzeptieren und damit leben.

RAHMENDATEN

Autor: Ellen Forney
Hardcover: Oktober 2014 - 19,99 € (Egmont) - ISBN 978-3-7704-5511-9
Umfang: 256 Seiten
Originalsprache: Englisch (Marbles: Mania, Depression, Michelangelo, and Me: A Graphic Memoir)
Nominierungen/Preise: 2013 Gewinnerin Kategorie Kunst des »Gradiva« der National Association for the Advancement of Psychoanalysis
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