9. Oktober 2015

Hörspiel: »Sherlock & Watson - Neues aus der Baker Street«

Sherlock Holmes und John Watson sind hoch im Kurs und das schon seit ein paar Jahren. Vor allem hat der englischsprachige Raum den kriminalistischen Plot wieder für sich entdeckt und so laufen momentan gleich zwei sehr erfolgreiche Serien zu dem ungleichen Paar im Fernsehen - mit zwei unterschiedlichen und interessanten Auslegungen. Neben der großartigen BBC Serie »Sherlock« hat der amerikanische Fernsehsender CBS es mit ihrer Interpretaion »Elementary« und mit dem sehr gelungenen ersten Staffelfinale geschafft mein Herz zu erobern. Egal, was man hört oder sieht - die Bewohner der Baker Street 221B sind überall. Auch mein momentaner Lieblingspodcast »Viva Britannia« griff in seiner 27. Episode das Thema auf. Wer sich also noch nicht mit der Materie vertraut gemacht hat, sollte dort unbedingt einmal reinhören.

Es fällt jedoch eine Lücke auf, die der Audio Verlag nun zu schließen versucht - eine moderne Adaption des Stoffes als Hörspiel. Einigen ist vielleicht bekannt, dass im letzten Jahr unter der Leitung von Bastian Pastewka »Der Hund der Baskervilles« interpretiert worden ist und selbst der Audio Verlag hat einige Boxen zu eben diesem Thema herausgebracht - beide Beispiele spielen jedoch im 19. Jahrhundert. Die neue Hörspielserie wagt sich in das heutige London mit allen seinen Vorzügen (bspw. das Internet) und Tragödien (bspw. Kriegseinsätze).

Ich war zunächst sehr skeptisch als ich von der ersten Eigenproduktion gehört habe und noch mehr als ich die Covergestaltung sah, die doch große Ähnlichkeiten mit der englischen Fernsehproduktion aufweist. Umso erstaunter war ich nach dem mehrmaligen Hören der ersten beiden Fälle: Sie sind gut gemacht, versammeln viele tolle HörbuchsprecherInnen und die Geschichten weisen beide politische Komponenten auf, was zum Nachdenken anregt - »Die drei ???« für Erwachsene.


INHALT


Man steigt in den ersten Fall »Das Rätsel von Musgrave Abbey« durch ein Radiointerview ein, was Sherlock Holmes gibt. Es ist gleich klar, dass er schon seit einiger Zeit der Londoner Polizei hilft Fälle zu lösen. Seine Methode der Deduktion erklärt er an der Moderatorin, was dieser mehr und mehr unangenehm ist. Dabei hat sich ein kleiner Schnitzer in die Produktion geschlichen, denn die Frau trug ihren Ehering bis vor kurzem an der rechten Hand. Leider tragen Engländerinnen diesen an der anderen Hand.


Rechte: DAV
Im Fall selbst geht es um das Verschwinden des Assistenten der berühmten Schriftstellerin  Rebecca Westwood, die gerade ihre Romanreihe fertiggestellt hat. Zeitgleich wird am St. Bradfield Heigths College David Perry entführt. Dessen Vater Jordan will, wie die Schriftstellerin, partout die Polizei nicht einschalten. Was haben beide zu verbergen und haben die Fälle etwas gemeinsam?
Nach anfänglichen Ermittlungen entdeckt der Detektiv Unglaubliches auf, was im hohen Maße die Politik des Landes verändern könnte und zurück in die Geschichte des Landes reicht. Im Laufe der Geschichte tritt zudem noch ein weiterer Mann im Hintergrund auf, der alle Fäden in der Hand zu haben scheint und der Sherlocks allergrößter Fan zu sein scheint - Moriarty.

Ganz anders wird im zweiten Fall »Ein Fluch in Rosarot« erzählt und zwar rückwirkend. John Watson berichtet von seinem Kriegseinsatz, seinem Umzug nach London und das Treffen auf Sherlock, der ihn sofort in seinen neuen Fall mit einspannt.


Rechte: DAV
In ihrem ersten gemeinsamen Fall werden sie zu Rabbi Ehrenburg gerufen, der vermeintlich Selbstmord begannen hat. Das komische am Tatort ist jedoch, dass dieser kurz vor seinem Ableben »RACHE« in den Boden geritzt hat. Inspector Lestrade geht von einem antisemitisch motivierten Mord aus, denn das Wort ist auf deutsch. Dennoch mehren sich in London in der letzten Zeit vermeindliche Selbstmorde und an allen Nachlässen findet Sherlock einen goldenen Ring - haben die Tode eine Gemeinsamkeit?
Und auch hier steigen Holmes und Watson wieder tief in die europäische Geschichte ein und decken im Laufe der Geschichte Ungerechtigkeiten auf, die einen wirklich nachdenkend zurücklassen und einen lange noch begleiten werden.

Was ich an beiden Folgen inhaltlich mochte, war der uneingeschränkte Fokus auf die Lösung des Falles mit jeweils einem großen politischen Thema, welche immer unterschwellig mitgeschwungen haben. Das private Leben der beiden Protagonisten spielte bisher nur eine untergeordnete Rolle. Wahrscheinlich auch, da wir durch andere Produktionen eh schon ein wenig wissen, wie die beiden denken und handeln. Dennoch hoffe ich, dass wir in den nächsten Episoden einen weiteren Einblick in die zwei Charaktere bekommen.


Die Fälle selbst waren nicht ganz so komplex, wie ich erwartet hatte und ich war ein bisschen enttäuscht. Der zweite Fall ist um einiges spannender geschrieben und inszeniert, dennoch legt der erste Fall dafür einen Grundstein, denn nach dem ersten Hören weiß man, wie dieses Hörspiel funktioniert und kann sich beim zweiten Fall mehr auf die Geschichte konzentrieren.


ERZÄHLWEISE + SPRECHER + GERÄUSCHE

Das Grundgerüst beider Geschichten ist ein Online Tagebuch von John Watson, in dem er über die erlebten Fälle schreibt. Dabei stellte ich mir immer wieder die Frage, ob man wirklich so offen schreiben würde. Jeder der sich im Internet bewegt und in diesem viel mitteilt, muss sich überlegen, wie viel Privates man preisgibt. Watson hat sich dazu entschieden alles zu erzählen, bis hin zu richtigen Namen. Dies wurde damit begründet, dass er über vergangene Fälle berichtet. Dennoch muss ich sagen, dass mich diese Naivität mit dem Umgang des Internets wirklich gestört hat.

In dem Gerüst eingebettet sind Kommentare, die mittels bekannter Geräusche (bspw. Ton bei neuen Nachrichten), die zunächst ein bisschen verwirren und verschiedenster Gastauftritte berühmter Hörbuchsprecher verstärkt werden. Schnell wird klar, dass es sich größtenteils um Mycroft Holmes, Mary Morstan, Mrs. Hudson und ein paar nicht weiter benannten Fans handelt. Größtenteils hören sich die Kommentare wie private Nachrichten an, was vermuten lässt, dass Watson mit seinem Blog nicht die Masse erreicht oder wirklich die negativen Aspekte des Internets nicht zu Ende gedacht.


Sherlocks Überlegungen und seine Wahrnehmung der einzelnen Tatorte sind mir besonders positiv aufgefallen. Die einzelnen Gedanken überlagern sich dabei und man bekommt das Gefühl, dass man in direkt ins Gehirn Sherlocks gezogen wird.

Aber wirklich brillant umgesetzt ist die posttraumatische Belastungsstörung von John Watson, die am Anfang des zweiten Falls geschildert werden. Die Macher setzten hier auf eine Mischung aus ruhiger Musik, Kriegsgeräuschen, Schreien von Soldaten und dem Einsatz der dramatisch Stimme von Florian Lukas - immer wieder hat mich diese kurze Sequenz in den Fall hinein gezogen.

Sherlock (Johann v. Bülow)
Rechte: DAV
Da wir schon bei den Stimmen sind: Johann Von Bülow spricht in Sherlock Holmes, den man vielleicht aus dem Berlinalefilm »Elser« kennt. Im Frühling hat er erstmalig ein Hörbuch eingelesen und ist damit ein Neuling im Bereich Hörbuch/Hörspiel. Leider merkt man das auch an der einen oder anderen Stelle. Er gibt sich ohne Frage viel Mühe, dennoch bin ich froh gewesen, dass sein Sprechanteil nicht so groß ausgefallen ist. Einiges ist ein bisschen monoton und langweilig vorgetragen, obwohl er für die Rolle eine raue tolle Stimme hat. Die Eigenheiten des sehr skurrilen Sherlocks kann er leider nicht so gut rüberbringen.
Vielleicht fehlt ihm dafür aber einfach noch die Erfahrung und Routine eines sehr guten Hörbuchsprechers. Denn seine und Florian Lucas Stimme harmonieren wirklich gut zusammen.

Watson (Florian Lukas)
Rechte: DAV
Florian Lukas ist eigentlich auch noch nicht so lange im Bereich Hörbuch tätig, doch um einiges besser. Aus diesem Grund ist es als Hörerin ein Segen, dass er den größten Part einspricht. In seiner Stimme findet man Verwunderung, Ratlosigkeit, Witz und Schmerz wieder. Dabei ist sie dennoch so unaufdringlich und angenehmer zu hören. Diese Stimme passt zu John Watson wirklich perfekt und würde Martin Freeman nicht schon eine Synchronstimme haben, würde ich sofort Florian Lukas vorschlagen.

Zu den beiden Hauptsprechern kommen noch weitere sehr bekannte Stimmen hinzu: Stefan Kaminski spricht beispielsweise James Moriarty. Zwar taucht dieser in den ersten beiden Folgen auf, aber nur kurz, sodass man das Potential noch nicht vollkommen ausgeschöpft hat - schade. Auch bin ich seit dem Hörbuch »Happy Smekday« ein großer Fan von Cathlen Gawlich, die auch einen kurzen Auftritt hat.

Generell muss man zu den Stimmen sagen, dass fast alle irgendeine Erinnerung wachgerufen haben, sei es eine Person aus Rocky Beach oder einem schon gehörten Hörbuch. Mit dem Sprecherensemble haben die Macher wirklich einen Coup gelandet.

Das Einsetzen der Geräusche ist an den meisten Stellen wirklich gut gelungen. Dennoch muss man sich darauf einlassen, denn es ist ein bisschen kompliziert. So werden die Dialoge der beiden Protagonisten mit dem Schreiben und Kommentieren der einzelnen Blogeinträge kombiniert. Das heißt, es kann mitten in der Geschichte ein Kommentar mit entsprechendem Geräusch auftauchen. Aber nach dem zweiten, dritten Mal hat man dieses Konzept auch durchschaut. Ein bisschen gestört hat mich allerdings das Geräusch der Tippen auf der Tastatur, da sie immer gleich klingt, unrealistisch - aber das ist wirklich Meckern auf sehr hohem Niveau, denn sonst sind die Geräusch wirklich gut gewählt und passend eingesetzt.


PARALLELEN ZU ANDEREN ADAPTIONEN


Natürlich fällt schon beim Ansehen der Cover eine Gemeinsamkeit zur BBC Serie auf und es lässt vermuten, dass es einfach nur eine Nachahmung der erfolgreichen Serie ist. Das ist so schade, denn die Hörspiele haben einen ganz eigenen Charme und legen den Fokus auf einen anderen Aspekt.

Weiter sind beide Watsons aus dem Kriegseinsatz in Afghanistan zurückgekehrt und schreiben einen Blog. Der Hörspielwatson, so lässt der zweite Fall vermuten, war aber ein einfacher Soldat und eben kein Arzt im Einsatz. Dennoch leiden beide an PTBS, was mich nicht weiter gestört hat, sondern eher mein Interesse geweckt hat, da es der Geschichte einen politischen Faktor hinzufügt. Der Blog wiederum spielt im Hörspiel eine größere Rolle als bei der Fernsehadaption, dennoch hätte man es ein wenig anders lösen können - das war mir zu nah und zu ähnlich.

FAZIT

Erstmalig produzierte der Audio Verlag ein aufwendiges Hörspiel in Eigenverantwortung, unter der Leitung des erfahrenen Hörspielregisseurs Leonhard Koppelmann  - wirklich gut gelungen mit einigen kleinen Abzügen. Der erste Teil bietet einen einfachen Einstieg und der zweite Teil kann durch seine Geschichte, die Sprecher und die Umsetzung noch mehr überzeugen. Es ist eine Reihe für alle Sherlockanfänger und Hörspielfans - »Die drei ???« für Erwachsene! Ich freue mich schon auf die Teile vier bis sechs im Frühling.

Weitere Informationen, Interviews und Fotos erhaltet ihr auf der dazugehörigen Website, auf Facebook, auf Youtube und bei Twitter.

Solltet ihr in Berlin wohnen, könnt ihr den ersten Fall am 1.11.2015 im Planetarium am Insulaner unterm Sternenhimmel erleben - in Anwesenheit der beiden Protagonisten.

TRAILER



RAHMENDATEN

Autorin: u.a. Viviane Koppelmann (nach Motiven von Sir Arthur Conan Doyle)
Erster Fall: » Das Rätsel von Musgrave Abbey« (978-3-86231-518-5)
Zweiter Fall: »Ein Fall in Rosarot« (978-3-86231-519-2)
- jeweils 14,99 € -
SprecherInnen: u.a. Florian Lukas, Johann von Bülow, Stefan Kaminski, Peter Jordan, Britta Steffenhagen, Cathlen Gawlich
Erscheinungstermin: 23.Oktober 2015

An dieser Stelle danke ich dem Audio Verlag, der mir freundlicherweise zwei Presseexemplare zur Verfügung gestellt hat.

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