23. August 2015

Deutscher Buchpreis - Longlist # 4



Vor circa einer halben Woche wurde die Longlist des Deutschen Buchpreises bekannt gegeben. Und so habe ich in bisher drei Teilen (# 1, # 2, # 3) die einzelnen nominierten Bücher und ihre Autorinnen und Autoren vorgestellt. Heute kommen wir zu den letzten fünf Büchern (V bis Z): Vladimir Vertlib, Kai Weyand, Frank Witzel, Christine Wunnicke und Feridun Zaimoglu.

Zur Longlist sagte die Jurysprecherin Claudia Kramatschek:

»Die diesjährige Longlist ist eine aufschlussreiche Landkarte, sie bildet die Vielfältigkeit und Vielstimmigkeit der deutschsprachigen Literatur ab. In diesem Jahr aber zeichnet sich eines deutlich ab: Die Welt ist in ihr zu Hause. Die ausgewählten Autoren und Autorinnen nehmen sich der Seelendramen afrikanischer Flüchtlinge an, entführen uns in die Weiten Afghanistans oder in die engen Gassen eines Istanbuler Armenviertels. [...] Es stehen auf dieser Landkarte bekannte neben eher unbekannten Namen und große Verlage neben eher kleineren. Das macht sie für uns umso erfreulicher.«

16. Vladimir Vertlib »Lucia Binar und die russische Seele« (Erste Nominierung)

»Eine alte Dame mit Witz und Humor, die sich nicht unterkriegen lässt - in Vladimir Vertlibs neuem Roman:

Lucia Binar ist 83, und sie ist verärgert. Die Große Mohrengasse, in der sie seit langem lebt, soll aus Gründen der politischen Korrektheit in "Große Möhrengasse" umgetauft werden. Und die soziale Einrichtung, die sie versorgt, hat versagt: Ihr Essen wurde nicht geliefert. Der Telefondienst ist in ein Callcenter ausgelagert, dort rät ihr eine Mitarbeiterin, sich von Manner-Schnitten zu ernähren. Lucia ist empört. Sie will die Frau aufsuchen und zur Rede stellen. Dabei hilft ihr ausgerechnet Moritz, ein Student, der die "Anti-Rassismus-Initiative Große Möhrengasse" unterstützt. Mit viel Humor erzählt Vladimir Vertlib die Geschichte einer alten Dame, die entschlossen ist, ihre Würde zu bewahren.« (Quelle: Zsolnay/Deuticke)

Ich mag die Longlist sehr gerne und auch die meisten Bücher. Was ihr allerdings meist fehlt, ist Humor - die Themen sind politisch, traurig, gesellschaftskritisch, ... Aus diesem Grund finde ich diesen Roman gut gewählt, weil er zeigt, dass gute deutschsprachige Literatur nicht unbedingt schwer sein muss, sondern auch einen witzigen Blick auf die moderne Gesellschaft werfen kann. Außerdem klingt die Geschichte wirklich sehr lesenswert. Danke, liebe Jury! 

17. Kai Weyand »Applaus für Bronikowski« (Erste Nominierung)

»Nun ist Nies schon über dreißig, aber manchmal wirkt er noch alles andere als erwachsen. Er wirft lieber Eier und Tomaten an Hauswände, als wie sein Bruder in einer Bank zu arbeiten. Und dass seine Eltern ihn als Kind ziemlich früh allein gelassen haben, taugt auch nicht ewig zur Entschuldigung [...]. Er ist ein Beobachter, ein Spieler, der sich auf alles einen eigenen Reim macht. Eher durch Zufall findet er plötzlich doch noch einen Job: in einem Bestattungsinstitut. Die Begegnung mit dem Tod verlangt ihm einiges ab, gerade auch weil Verantwortungsgefühl bislang nicht eben zu seinen herausragenden Fähigkeiten zählte. Mit Improvisationstalent kann er einiges wettmachen, und im Grunde ist er ja auch ein grundanständiger Typ. Was auch immer für Klischees existieren mögen - Bestattungshelfer ist ein hochabwechslungsreicher Beruf. Und die Würde des Menschen endet nicht mit seinem Tod.« (Quelle: Wallstein)

Ich habe das Gefühl, dass hier eine Geschichte, wie »Herr Lehmann« von Sven Regener auf die Serie »Six Feet Under« trifft. Und irgendwie ist das doch nichts neues und bewegendes mehr, einen eher kindlichen Protagonisten zu begleiten, wie er langsam erwachsen wird und den Sinn des Lebens dabei entdeckt. Vielleicht ist der Roman aber witzig konstruiert und unterhaltsam - das Sonderheft wird es zeigen.


»Gudrun Ensslin eine Indianersquaw ausund Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung? Die Welt des kindlichen Erzählers dieses mitreißenden Romans, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt, ist nicht minder real als die politischen Ereignisse, die jene Jahre in Atem halten und auf die sich der 13-Jährige seinen ganz eigenen Reim macht. Frank Witzel ist es in dieser [...] literarischen Rekonstruktion des westlichen Teils Deutschlands gelungen, ein Spiegelkabinett der Geschichte im Kopf eines Heranwachsenden zu errichten. Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst und Betrachtungen der aktuellen Gegenwart entrücken ihn dabei immer weiter seiner Umwelt. Das dichte Erzählgewebe ist eine explosive Mischung aus Geschichten und Geschichte, Welterklärung, Reflexion und Fantasie: ein detailbesessenes Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt, die ebenso wie die DDR 1989 Geschichte wurde. (Quelle: Matthes & Seitz)

Wie einige andere Bücher steht auch dieses Werk schon seit einiger Zeit auf meiner Wunschliste, denn nicht nur der Titel ist wunderbar. Selten denke ich darüber nach, dass die alte BRD nach 1989 auch irgendwie untergegangen ist und gleichzeitig weiter Bestand hatte. Auch bin ich heute noch sehr fasziniert von der Geschichte Deutschlands nach 1945 und die RAF war immer für mich ein besonderer Teil eben dieser. Jetzt darüber einen Roman aus der Sicht eines Heranwachsenden zu lesen, finde ich genauso spannend, wie die Umbrüche in der DDR aus der gleichen Perspektive erzählt zu bekommen. Die Herausforderung dabei ist immer, dass nicht alles offen liegt - ich mag das sehr.

19. Christine Wunnicke »Der Fuchs und Dr. Shimamura« (Erste Nominierung)

»Vom Fuchs besessen, und das auch noch in Japan! Klarer Fall für Neurologen mit geschärftem Sinn für Menschen – vorzugsweise Frauen – neben der Spur. Dr. Shimamura (den es wirklich gab) reist in der Abendröte des 19. Jahrhunderts durch die Provinz, wo das burleske Krankheitsbild zur Folklore gehört. Ein liebestoller Student begleitet ihn, geht aber bald verloren, dafür fängt der Doktor sich selbst einen Fuchs ein (den es vielleicht auch gab). Da hilft nur noch Europa, und so flieht Shimamura auf Bildungsurlaub gen Westen, besteht neurologisch aufschlussreiche Abenteuer in Paris, Berlin und Wien. Allein, der Fuchs lässt ihn nicht los – auch nicht Jahrzehnte später zurück in Japan, wo sich dieses seltsame Leben, beäugt von allerhand weiblichem Familienanhang, seinem Ende zuneigt. Und so bleibt der Fuchs der unsichtbare Protagonist dieses fernöstlich getönten Gegenwartsromans.« (Quelle: Berenberg)

Das klingt nach 19. Jahrhundert und kompliziert. Ich weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Wirklich nicht. Ich bin jetzt schon abgeschreckt, weil es einfach ein wenig langweilig wirkt und sehr nach einer Auseinandersetzung mit sich selbst. Vielleicht sogar innere Monologe und geheimnissvollen Rückblenden? Ist leider so gar nicht meins.

20. Feridun Zaimoglu »Siebentürmeviertel« (Vierte Nominierung nach 2006, 2008 und 2014)

»Das hat man so noch nicht gelesen: Feridun Zaimoglu führt seine Leser ins Istanbul der 30er-Jahre und mitten hinein in eine fremde und faszinierende Welt, in der sich ein deutscher Junge behaupten muss. Eine Familiensaga der besonderen Art, emotionsgeladen, abgründig und spannend. 
Wolf weiß nicht, wie ihm geschieht. Nach dem Tod seiner Mutter hat er mit seinem Vater gelebt, der aber nach einer Warnung vor der Gestapo plötzlich Deutschland verlassen muss. Es ist das Jahr 1939, und Wolf findet sich in Istanbul wieder, in der Familie von Abdullah Bey und mitten im Siebentürmeviertel, einem der schillerndsten Stadtteile der Metropole, in der Religionen und Ethnien in einem spannungsreichen Nebeneinander leben. Was als vorübergehende Maßnahme gedacht war, wird zu einer Dauerlösung, und Wolf muss sich zurechtfinden in diesem überwältigenden Kosmos. [...]« (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Neben den Büchern von Clemens J. Setz und Ilija Trojanow würde ich sagen, dass ist der dritte klare Anwärter auf die Shortlist - alle Bücher sind relativ umfangreich, dieses hat 800 Seiten. Die Geschichte verwebt die deutsche und die türkische Geschichte wunderbar. Ich denke hier kann ich noch viel lernen und das in der besten Form - lesend.

Genauso wie in den letzten Tagen möchte ich betonen, dass es unmöglich ist alle Bücher gleich gut zu mögen. Dennoch möchte ich noch einmal allen Nominierten meinen allerherzlichsten Glückwunsch aussprechen. Toll gemacht und Shortlist - wir kommen!

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