21. August 2015

Deutscher Buchpreis - Longlist # 3



Am Mittwoch, genau um 11 Uhr vormittags wurde die Longlist des Deutschen Buchpreises bekannt gegeben. Und so habe ich euch am Mittwoch die ersten fünf Nominierten vorgestellt und am Donnerstag die nächsten fünf - bleiben noch 10 Bücher, die näher betrachtet werden müssen. Heute geht es weiter mit den Buchstaben R bis T: Peter Richter, Monique Schwitter, Clemens J. Setz, Anke Stelling und Ilija Trojanow.

Zur Longlist sagte die Jurysprecherin Claudia Kramatschek:

»Die diesjährige Longlist ist eine aufschlussreiche Landkarte, sie bildet die Vielfältigkeit und Vielstimmigkeit der deutschsprachigen Literatur ab. In diesem Jahr aber zeichnet sich eines deutlich ab: Die Welt ist in ihr zu Hause. Die ausgewählten Autoren und Autorinnen nehmen sich der Seelendramen afrikanischer Flüchtlinge an, entführen uns in die Weiten Afghanistans oder in die engen Gassen eines Istanbuler Armenviertels. [...] Es stehen auf dieser Landkarte bekannte neben eher unbekannten Namen und große Verlage neben eher kleineren. Das macht sie für uns umso erfreulicher.«

11. Peter Richter »89/90« (Erste Nominierung)

»Sie sind der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen darf – damals in Dresden vom Sommer vor der Wende bis zur Wiedervereinigung: die lauen Freibadnächte [...], die Konzerte im FDJ-Jugendklub [...] oder in der Kirche vom Plattenbaugebiet, wo ein Hippie []mit wachsamem Blick Suppe kocht für die Punks und ihre Pfarrerstöchter.
Sie sind die Letzten, die noch »vormilitärischen Unterricht« haben. Und sie sind die Ersten, die das dort Erlernte dann im Herbst 89 erst gegen die Staatsmacht anwenden. Und schließlich gegeneinander. Denn was bleibt dir denn, wenn du zum Fall der Mauer beiträgst, aber am nächsten Tag trotzdem eine Mathe-Arbeit schreiben musst, wenn deine Freundin eine gläubige Kommunistin ist und die Kumpels aus dem Freibad zu Neonazis werden? 
[...] Peter Richter beschreibt in seinem autobiografischen Roman das chaotische Ende der DDR aus der Sicht eines damals Sechzehnjährigen – pointiert, authentisch und sprachlich brillant.« (Quelle: Luchterhand)

Dieses Buch steht schon seit einiger Zeit auf meiner Wunschliste und umso mehr freut es mich, dass Peter Richter es auf die Longlist geschafft hat. Das Thema finde ich immer noch sehr spannend, denn ich interessiere mich sehr für die politischen Umbrüche in Deutschland Ende der 80er Jahre. Für einige ist es vielleicht zu viel auf einmal, aber mir wird das Thema nicht leidig. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob er eine Chance auf den Preis hat, da letztes Jahr schon der Gewinnerroman »Kruso« ein DDR- und Wenderoman war. Gönnen würde ich es Peter Richter aber trotzdem sehr, denn so würde man zeigen, wie wichtig das Verständnis für die DDR Geschichte auch heute noch ist.

12. Monique Schwitter »Eins im Andern« (Erste Nominierung)


»Eines Abends erfährt sie, als sie, statt zu schreiben, nach ihrer ersten Liebe googelt, dass er sich aus dem achten Stock gestürzt hat. Vor fast fünf Jahren schon. Sie ist schockiert, ebenso sehr über seinen Selbstmord wie über die Tatsache, dass sie ihn gar nicht vermisst hat. Nun hat sie ihn am Hals, stärker als zu Lebzeiten. 
Was ist das, die Liebe? [...]Wohin geht sie, wenn sie geht? Und was ist eigentlich mit der aktuellen Liebe los? [...]
Die Protagonistin in Monique Schwitters neuem Roman beginnt nun eine Liebesrecherche: Sie handelt ihre Liebesbiographie an zwölf Männern ab, die weit mehr als die Namen gemein haben mit den Aposteln, den Gesandten des Glaubens und der Liebe. Es sind beinahe mythische Umrisse von Männern, die sie schreibend mit Liebe, Leben und Geschichte füllt. Und je länger sie schreibt, desto stärker schiebt sich die Rahmengeschichte, ihre aktuelle Liebessituation, ins Zentrum [...].« (Quelle: Droschl)

Ich weiß nicht, auf der einen Seite bin ich jetzt noch nicht überzeugt, dass es was für mich sein könnte. Dann lese ich aber die Biografie der Autorin, die vielfältig unterwegs ist - als Schauspielerin, Schriftstellerin, Kritikerin, Dramatikerin - und das reizt mich dann wieder ihr Buch zu lesen. Was mich dann doch ein bisschen abschreckt, ist die Verbindung zur Religion. Zum einen habe ich einen sehr schwachen Bezug dazu und zum anderen kenne ich mich in der Bibelgeschichte nicht aus. Mag sein, dass ich beim Lesen dann Vieles nicht verstehen würde. Und auch hier wird mir das Sonderheft zur Longlist vielleicht ein bisschen mehr Klarheit verschaffen.

13. Clemens J. Setz »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« (Dritte Nominiertung nach 2009 und 2012)


»In einem Wohnheim für behinderte Menschen wird die junge Natalie Reinegger Bezugsbetreuerin von Alexander Dorm. Der Mann sitzt im Rollstuhl, ist von unberechenbarem Temperament und gilt als »schwierig«. Dennoch erhält er jede Woche Besuch – ausgerechnet von Christopher Hollberg, jenem Mann, dessen Leben er vor Jahren zerstört haben soll, als er ihn als Stalker verfolgte und damit Hollbergs Frau in den Selbstmord trieb. Das Arrangement funktioniere zu beiderseitigem Vorteil, versichert man Natalie, die beiden seien einander sehr zugetan. Aber bald verstört die junge Frau die unverhohlene Abneigung, mit der Hollberg seinem vermeintlichen Freund begegnet. Sie versucht, hinter das Geheimnis des undurchschaubaren Besuchers zu kommen und die Motive seines Handelns zu verstehen. [...]
Macht und Ohnmacht, Sinnsuche und Orientierungsverlust, Unterwerfung und Liebe in allen Spielarten [...]. Und Rache. So subtil und schmerzhaft, dass die Frage nach Täter und Opfer in namenloses Gelände führt.« (Quelle: Suhrkamp)

Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass dieses Buch auf die Shortlist kommen wird. Denn nicht nur hat der Autor schon fast zwei Mal gewonnen, sondern konnte tatsächlich schon in Leipzig gewinnen. Und dabei ist er erst 32 Jahre alt - unglaublich.
Das Buch selbst klingt sehr interessant, aber es hat ganze 1021 Seiten. Das ist echt viel und man muss sich auf Clemens J. Setz einlassen. Er hat eine ganz eigene Erzählweise und auch ich hatte schon ein bisschen mit seinem Buch »Indigo« zu kämpfen. Aber ich würde ihm noch mal eine Chance geben, da ich von ihm als Autor so fasziniert und überzeugt bin.

14. Anke Stelling »Bodentiefe Fenster« (Erste Nominierung)


»Von den 68er-Müttern im Aufbruch hat eine Töchtergeneration den Auftrag erhalten, die Welt zu verbessern – das Waldsterben und die Aufrüstung zu stoppen, ein Zimmer für sich allein zu haben, gemeinsam stark zu sein –, und diesen Auftrag kann Sandra nicht vergessen: 
Mit vierzig Jahren und als Mutter zweier Kinder ist aus ihr eine Art Kassandra vom Prenzlauer Berg geworden. Sie sieht, dass die Ideale der Elterngeneration im Alltag verloren gehen, auf dem Spielplatz versanden, im Plenum der Hausgemeinschaft ad absurdum geführt werden. Alles auszusprechen, ist offenbar keine Lösung, weggehen kann sie jedoch auch nicht, außerdem genießt sie ihre Privilegien. Sie feiert die Kindergeburtstage wie früher, wie Pippi Langstrumpf, doch der Kern der Utopie ist nicht mehr da. Und die bodentiefen Fenster machen den Alltag allzu durchsichtig.« (Quelle: Verbrecherverlag)

Hihi - das steht auch schon ein bisschen länger auf meiner Wunschliste und zwar seit ich die Autorin in einem Interview bei den Literaturagenten gehört habe. Es erinnert mich ein bisschen an das nominierte Buch »Aberland«, was ich gestern vorgestellt habe. Ich denke aber dennoch, dass es eine andere Herangehensweise an das moderne Frauenbild hat. So scheint, dass hier die Mutter bzw. Oma für die Gleichberechtigung der Frauen, den Naturschutz und den eigenen Individualismus gekämpft hat und ihre Tochter es einfach unglaublich schwer hat diesen Idealen treu zu bleiben und sich nicht in ihrem Wohlstand einzurichten. Im Gegensatz geht »Aberland« (nach dem Verlagstext) eher von einer konservativen Mutter bzw. Oma aus, von der sich die Tochter abgrenzen möchte, es dann jedoch auch nicht schafft.
Die Herangehensweise von Anke Stelling finde ich dabei um einiges besser und kann mir vorstellen, dass sie es mit diesem Buch auch auf die Shortlist schafft.

15. Ilija Trojanow »Macht und Widerstand« (Zweite Nominierung nach 2006)


»Ilija Trojanow hat sein Lebensbuch geschrieben: Ein schwindelerregender Blick in den Abgrund zwischen Macht und Widerstand:
Konstantin ist Widerstandskämpfer, einer, der schon in der Schulzeit der bulgarischen Staatssicherheit auffällt und ihrem Griff nicht mehr entkommt. Metodi ist Offizier, Opportunist und Karrierist, ein Repräsentant des Apparats. Sie sind in einen Kampf um Leben und Gedächtnis verstrickt, der über ein halbes Jahrhundert andauert. 

Ilija Trojanow entfaltet ein breites zeitgeschichtliches Panorama von exemplarischer Gültigkeit. Eine Fülle einzelner Momente aus wahren Geschichten, die Trojanow seit den Neunzigerjahren in Gesprächen mit Zeitzeugen gesammelt hat, verdichtet er zu einer spannenden Schicksalserzählung von menschlicher Würde und Niedertracht. ›Macht und Widerstand‹ ist bewegende Erinnerungsarbeit, ein Roman, wie man ihn in seiner Entschiedenheit und poetischen Kraft lange nicht gelesen hat.« (Quelle: Fischer)

Und was werde ich wohl dazu sagen? Ich muss es haben. Osteuropäische Geschichte und dazu auch noch Zeitzeugen - das hört sich großartig an. Und auch hier bin ich sicher, dass der Autor es auf die Shortlist schaffen wird, denn ich denke, dass unglaublich viel Arbeit in diesem Buch steckt. Ich flippe gerade komplett aus, ich will es haben!

Genau wie in den letzten Tagen möchte ich betonen, dass ich hier meine ersten Eindrücke zu den Romanen schreibe und natürlich nicht genau weiß, wie die Romane wirklich sind. Dennoch kann ich abschätzen, welche Themen mir mehr liegen und eben auch welche eher nicht. Dennoch möchte ich natürlich allen Nominierten viel Erfolg und Glück wünschen. Sie haben alle ein Buch geschrieben, was auf der Longlist steht - das ist eine riesige Leistung!

Morgen kommt dann die letzten fünf Vorstellungen mit: Vladimir Vertlib, Kai Weyand: Applaus für Bronikowski, Frank Witzel, Christine Wunnicke und Feridun Zaimoglu.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen