20. August 2015

Deutscher Buchpreis - Longlist # 2



Gestern wurde die Longlist des Deutschen Buchpreises bekannt gegeben und ich habe euch die ersten fünf Nominierten ein bisschen näher vorgestellt. Heute geht es mit den nächsten fünf (K bis P) weiter und zwar: Gertraud Klemm, Steffen Kopetzky, Rolf Lappert, Inger-Maria Mahlke und Ulrich Peltzer.

...und heute ist mir noch mehr als gestern aufgefallen, wie wunderschön die Buchcover gestaltet sind, alle genau nach meinem Geschmack.

Zur Longlist sagte die Jurysprecherin Claudia Kramatschek:

»Die diesjährige Longlist ist eine aufschlussreiche Landkarte, sie bildet die Vielfältigkeit und Vielstimmigkeit der deutschsprachigen Literatur ab. In diesem Jahr aber zeichnet sich eines deutlich ab: Die Welt ist in ihr zu Hause. Die ausgewählten Autoren und Autorinnen nehmen sich der Seelendramen afrikanischer Flüchtlinge an, entführen uns in die Weiten Afghanistans oder in die engen Gassen eines Istanbuler Armenviertels. [...] Es stehen auf dieser Landkarte bekannte neben eher unbekannten Namen und große Verlage neben eher kleineren. Das macht sie für uns umso erfreulicher.«

6. Gertraud Klemm »Aberland« (Erste Nominierung)

»Elisabeth, 58, versucht würdevoll zu altern. Ihr gutbürgerliches Leben ist am ehesten charakterisiert durch das, was sie alles nicht getan hat: sie hat nicht studiert und nicht gearbeitet, sie hat ihre Kinder nicht vernachlässigt und ihren Mann nicht mit dem Künstler Jakob betrogen, sie hat der Schwiegermutter nicht die Stirn geboten und stellt noch immer nicht den Anspruch, ins Grundbuch der Jugendstilvilla eingetragen zu werden. [...] sie beobachtet ihre Kinder, vor allem Franziska, 35, die zu Wutausbrüchen neigt, mit den Anforderungen der Gesellschaft an ihre Mutterrolle hadert und die theoretische Gleichberechtigung von Mann und Frau im Alltag nicht einlösen kann. Auch sie hat ihre Visionen nicht verfolgt, weder beruflich noch privat, und begnügt sich mit einem fast fertigen Studium und einem fast geliebten Mann. Es scheint, als habe sich dieser zahnlose Feminismus von einer Generation an die nächste vererbt.« (Quelle: Droschl)

Wie der Roman von Jenny Erpenbeck passt dieser, so erschreckend wie es ist, voll in die Zeit. Und zu mir passt dieser Roman besonders gut, da ich mich als Feministin bezeichne und genau weiß, welche Probleme in diesem Roman angesprochen werden. Es scheint immer als wären wir alle unfassbar aufgeklärt und gleichberechtigt, schaut man sich dann doch einmal den eigenen Alltag und den Alltag von Freundinnen an, merkt man schnell, dass es immer noch sehr viele Hürden für Frauen gibt. Hinzu kommen einige Männer (und auch Frauen), die so privilegiert sind, dass sie den ungerechten gesellschaftlichen Unterschied negieren und auf einer Wolke sitzen, die Richtung 50er Jahre schwebt. Ich denke, dass ist ein Roman, der viel aufklären kann. Ich will ihn lesen.

7. Steffen Kopetzky »Risiko« (Erste Nominierung)

»Steffen Kopetzky hat einen funkelnden Abenteuerroman geschrieben, der auf historischen Fakten beruht. Er folgt einer legendären Afghanistan-Expedition auf der 5000 Kilometer langen Reise und begegnet historischen Personen wie Lucien Camus, dem Vater von Albert, oder Alois Musil, auch genannt Musil von Arabien.

Geheimexpedition des Deutschen Reichs an den Hindukusch: Nach einem Plan des Orientkenners Freiherr Max von Oppenheim ziehen sechzig Mann mit der Bagdadbahn, zu Pferd und auf Kamelen durch Wüsten und Gebirge. Das Ziel: den Emir von Afghanistan und die Stämme der Paschtunen im Namen des Islam zum Angriff auf Britisch-Indien zu bewegen.« (Quelle: Klett-Cotta)

Es geht um ein »Was wäre wenn...«, es geht um den Ersten Weltkrieg und es geht um Verschwörung. Steffen Kopetzky war schon bei »Druckfrisch« zu Besuch* und der Roman steht schon seit einiger Zeit auf meiner Wunschliste. Ich mag eigentlich keine historischen Romane, aber so richtig historisch ist es ja auch nicht, sondern eher ein Alternativroman. Ich denke, dass der Roman sehr intelligent ist und dabei auch ein unglaublich faszinierender Schmöker. Ich bin sehr begeistert, dass er es auf die Longlist geschafft hat.

*Hier gibt es auch eine bessere Zusammenfassung. Falls euch der Verlagstext nicht überzeugt, dann schaut mal da rein.

8. Rolf Lappert »Über den Winter« (Zweite Nominierung nach 2008)

»Lennard Salm ist fünfzig und als Künstler weltweit durchaus erfolgreich. Als seine älteste Schwester stirbt, kehrt er zurück nach Hamburg und in die Familie, der er immer entkommen wollte. So schnell wie möglich will er wieder zurück in sein eigenes Leben. Aber was ist das, das eigene Leben? Salms jüngere Schwester Bille verliert ihren Job, sein Vater nähert sich immer schneller der Hilflosigkeit. Einen funkelnden Winter lang entdeckt Salm, dass niemand jemals alleine ist. Er lernt seine Eltern und Geschwister neu kennen.
Rolf Lappert erzählt vom Wunder der kleinen Dinge und von dem, was heute Familie bedeutet. Jedes Detail leuchtet in diesem zarten, großen Familienroman.« (Quelle: Hanser)

Das klingt nach einem leisen, fast stillen Familienroman. Ich bin mir unsicher, ob mich das interessiert, obwohl ich zu Hause seinen Roman »Nach Hause schwimmen« ungelesen stehen habe. Also ich bin vom Autor selbst nicht abgeneigt. Die Leseprobe wird mir wahrscheinlich dann ein bisschen mehr verraten. Denn ich befürchte ein bisschen viele Monologen und das mag ich nicht so gerne.

9. Inger-Maria Mahlke »Wie Ihr wollt« (Erste Nominierung)


»August 1571: Elisabeth I. herrscht in England, und Mary Grey, ihre Cousine, ist wütend. Sie ist sechsundzwanzig, kleinwüchsig und hat einen Thronanspruch. Lange schon steht sie unter Hausarrest, da sie ohne die Erlaubnis geheiratet hat. Nun ist ihr Ehemann gestorben, und auch sonst sind sie alle tot: ihre Schwestern Jane, Katherine und ihr Vater, hingerichtet.
Mary Grey will frei sein, einen eigenen Haushalt und das Sorgerecht für ihre Stiefkinder. Nichts von alledem bekommt sie, und anstatt das still hinzunehmen, begehrt sie auf. Sie beschließt, einen Bericht zu schreiben - eine Abrechnung mit dem Königshof. [...]
Sie beginnt, die Vergangenheit aufzureihen, eine neue Identität zu finden. Um zu dem Schluss zu kommen, dass ihr Handeln und das ihrer Familie ebenso willkürlich und unfrei war wie das aller anderen. Dass sie die Rituale mochte. Und dass es erste Anzeichen gibt, wieder in Gnade aufgenommen zu werden.« (Quelle: Berlin Verlag)

Gerade bei »Risiko« schrieb ich noch, dass ich historische Romane nicht so gerne lese und schon ist ein weiterer in der Longlist vertreten. 1571 ist mir einfach zu weit weg, ich interessiere mich eben mehr für die Geschichte des 20./21. Jahrhunderts. Deshalb ist dieser Roman nichts für mich, sorry.

10. Ulrich Peltzer »Das bessere Leben« (Erste Nominierung)

»Im 20. Jahrhundert diskutierten, lebten und kämpften junge Menschen an amerikanischen Universitäten, in Frankfurt und Moskau für eine gerechte Ordnung, für eine bessere Zukunft. Doch die Utopien sind in Terror umgeschlagen. Wir leben in einer radikal kapitalistischen Welt, unsere Gegenwart scheint undurchschaubar. Was ist aus unseren Utopien, Sehnsüchten, Träumen geworden?
Aus ehemaligen Revolutionären sind Manager geworden, Akteure der Wirtschaft. Sie sind involviert in globale Geschäfte [...]. Haben sie alles verraten? Was heißt es heute in dieser Welt, gut zu leben? Was wäre das bessere Leben? 
Jochen Brockmann ist erfolgreicher Sales Manager, doch er verstrickt sich in ein abstürzendes System. Die Bank gibt keinen Kredit mehr, [...]. Sylvester Lee Fleming ist ein skrupelloser Geschäftemacher, Finanz-Investor und Risiko-Berater. Er erscheint, als Retter, Verführer und Versucher. [...] Er kreuzt Brockmanns Weg. Ist das Zufall oder Plan?« (Quelle: Fischer)

Ich habe enormen viel Respekt vor diesem Roman, denn er soll sehr philosophisch sein. Außerdem soll ein Stilmittel des Autors sein die Außenwelt nicht realistisch darzustellen und sich eher mit dem Innenleben der Akteure auseinander zu setzen. Ah - ich und innere Monologe - ganz schwierig. Momentan würde ich sagen, dass ich die Finger davon lasse oder dass ich mich zwei Wochen in eine ruhige Hütte zurück ziehe, ganz viel Zeit haben und höchstens 40 Seiten am Tag lese.


Und auch heute möchte ich sagen und besonders betonen, dass es sicherlich nicht leicht ist einen guten und fundierten Roman zu schreiben, der es dann auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schafft. Aber Geschmäcker, Interessen und bevorzugte Genres sind unterschiedlich und man kann nicht alles mögen. Einige Bücher, die ich vielleicht uninteressant finde, mögen andere LeserInnen finden. Dennoch möchte ich allen Nominierten meinen Glückwunsch aussprechen und ich wünsche allen viel Erfolg.

Morgen geht es dann weiter mit: Peter Richter, Monique Schwitter, Clemens J. Setz, Anke Stelling und Ilija Trojanow.

Kommentare:

  1. Der Verlagstext zu Frau Klemms "Aberland" klingt für mich alles andere als feministisch: "[...]sie hat nicht studiert und nicht gearbeitet, sie hat ihre Kinder nicht vernachlässigt" - entweder die Aufzählung wurde einfach sehr unglücklich aneinander gereiht oder hier wird impliziert, dass arbeitende Frauen ihre Kinder vernachlässigen. An und für sich spricht mich das Thema an, aber diese Beschreibung finde ich doch einigermaßen abstoßend.

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    1. Ich habe in einem Artikel gelesen, dass die Autorin feministische Texte schreibt und ich glaube, dass der Verlagstext extra ein bisschen provokant sein soll . das verkauft sich besser.
      Generell glaube ich aber schon, dass die Autorin die Rolle der Frau kritisch beleuchten möchte.
      Wenn das Sonderheft erscheint, wissen wir mehr.

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  2. Okay, Provokation Hin oder Her, aber es ist doch schon befremdlich und paradox, dass ausgerechnet das Buch einer Feministin so beworben wird. Trotzdem muss ich zugeben, dass es für mich bislang das Spannendste der vorgestellten Bücher ist. Mal schauen, ob mich die restlichen Anwärter mehr ansprechen.

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    1. Da gebe ich dir recht. Und ja, als ich den Satz gelesen habe, fand ich ihn auch eher komisch und unpassend. Ich denke, sie will vielleicht in ihrem Roman den Unterschied zwischen zwei Frauengenerationen aufzeigen, die schlussendlich beide doch die gleichen Probleme haben und sich gesellschaftlich doch weniger geändert hat, als gedacht. Das ist desillusionierend, vor allem für die Tochter. Und vielleicht will er auch zeigen, dass die Mutter die "perfekte, traditionelle" Frau war und damit dennoch nicht glücklich geworden ist.

      Aber du siehst, es ist ein Buch über das (wahrscheinlich) geredet wird.

      Ich finde, dass die Bücher so unfassbar unterschiedlich sind - aber irgendwie gefallen mir die Themen der Autorinnen besser.

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