26. August 2015

Buch: Graphic Novel - my love # 2

Vor circa zwei Monaten habe ich angefangen das Genre »Graphic Novel« hier vorzustellen, weil ich selbst ein paar Schätze besitze, viel ausleihe und noch mehr auf meiner Wunschliste stehen. Außerdem ist dieses Genre (mit Hörbüchern) eins der unterschätztesten Medien in der Literaturlandschaft und ich weiß gar nicht aus welchen Gründen. Eine Graphic Novel zu schreiben und zu zeichnen ist nämlich keine einfache Aufgabe und dauert in einigen Fällen sogar mehrere Jahre.

Heute möchte ich euch zwei Bücher vorstellen, die von persönlichen und politischen Veränderungen erzählen. Beide Umbrüche berichten aus Sicht eines Heranwachsenden,. Für mich eine sehr besondere und herausfordernde Art und Weise, denn es wird nicht alles gleich ersichtlich:

Wie ihr sicher schon mitbekommen habt, bin ich ein großer Fan der Öffentlichen Bibliotheken Berlins und ständiger Gast. Bei einem meiner Besuche der Amerikanischen Gedenkbibliothek entdeckte ich die wunderbare Graphic Novel »Kinderland«, die schon lange auf meiner Leseliste stand.

Mawil nimmt uns in diesem autobiografisch angehauchten Buch mit auf die Reise in ein untergegangenes Land, erzählt von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und warum ein Tischtennisturnier manchmal wichtiger ist als welthistorische Ereignisse.

Berlin-Ost, 1989: Mirco Watzke hat es nicht einfach - seine Schwester nervt, die FDJler machen ihm das Leben schwer und er muss versuchen sein Leben zwischen staatlicher Anpassung und Kirche zu regeln. Und halten ihn alle für einen Schisser?
Eines Tages trifft er auf Torsten, der von einer anderen Schule in Mirkos Parallelklasse strafversetzt worden ist. Es wird sogar gemunkelt, dass er im Jugendwerkhof war. In jedem Fall ist er kein Mitglied der FDJ und sein Vater ist in den Westen abgehauen. Die beiden Jungs freunden sich langsam an und Torsten gibt Mirko Selbstvertrauen und lehrt ihm sich gegen die anderen durchzusetzen.
Denn Mirko kann eins richtig gut: Tischtennis spielen und zwar so gut, dass er die einschüchternden Jungs schlagen kann und Torsten einige Tricks beibringen. Zusammen organisieren gegen zahlreiche Widerstände ein Turnier zu Ehren der Pionierorganisation, doch die Weltgeschichte kommt dazwischen...


Rechte: Reprodukt & Mawil



Mawil zeigt uns hier ein Bild der DDR in ihren letzten Zügen, was aus vielen kleinen Andeutungen, Geheimnissen und öffentlicher Darstellung besteht: Mirkos Eltern sprechen zu Hause offen über Ausreise, Mirko schaut sich 20 Mal um, bevor er die Kirche betritt und einige Lehrer sind offen für andere Meinungen. Aber alles muss verheimlicht werden, es darf nie offen darüber gesprochen werden.

Die Sichtweise eines Jugendlichen machte es für mich noch interessanter, denn seine Aufmerksamkeit liegt eben nicht bei den Umbrüchen in seinem Land, sondern bei Mädchen, Tischtennis und dem Schulausflug. Gerade das passt gut zur DDR, da meist nie offen auf etwas hingewiesen worden ist und alles unter der Ladentheke verhandelt wurde. Als Leserin muss man ganz genau aufpassen und kleine Sätze richtig interpretieren, sonst ist man verloren. 

Und genau deshalb habe ich mich gefragt, ob es für jemanden, der die Geschichte der DDR nicht so gut kennt, ein guter Einstieg in die Materie ist. Ganz ehrlich - ich weiß es nicht. Einerseits kann diese Graphic Novel ganz viele Anreize geben, andererseits ist es doch schon ein wenig speziell und man versteht dann zu wenig um die Geschichte zu genießen.

Im Gegensatz zu anderen Büchern über die DDR ist eben diese Graphic Novel nicht belehrend, anklagend, sondern verknüpft ganz spielerisch ein Aufwachsen mit weltpolitischen Ereignissen.

RAHMENDATEN

Autor: Mawil
Hardcover: Mai 2014 - 29,00€ (Reprodukt) - ISBN 978-3-943143-90-4
Umfang: circa 300 Seiten
Originalsprache: Deutsch
Nominierungen/Preise: Max & Moritz Preis 2014 (Bester deutschsprachiger Comic)
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Auf die zweite Graphic Novel wurde ich aufmerksam durch die Radiosendung »Die Literaturagenten« (Radio Eins), die begeistert von »Der Araber von morgen« erzählten. Glücklicherweise kam hinzu, dass meine gute Freundin von Amüsement die Graphic Novel besitzt und ich konnte sie mir leihen. Nach dem Lesen habe ich erstaunt festgestellt, dass ich ein anderes Werk von Riad Sattouf besitze - »Meine Beschneidung«, die sehr witzig ist.

In diesem Jahr folgte dann ein autobiografisches Buch, in dem Sattouf seine aufregenden ersten sechs Lebensjahre erzählt - von Frankreich über Libyen bis nach Syrien. Es war seine Art mit den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen in der arabischen Welt umzugehen. Er zeichnete seine Erinnerungen:

1978 wird Riad in Frankreich als Sohn einer Französin und eines Syriers geboren. Nachdem sein Vater den Doktor in Geschichte gemacht hat, zieht die Familie in das von Gaddafi regierte Libyen. Dort treffen die träumerischen Vorstellungen des Vater auf die teilweise brutale Realität. Nach einem kurzen Aufenthalt in Frankreich verschlägt es die Familie in das Heimatland des Vaters - Syrien, beherrscht von Assad. Je größer Riad wird, desto mehr fallen ihm die kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Unterschiede zwischen der arabischen und der europäischen Welt auf.


Rechte: Knaus Verlag & Riad Sattouf

Beim anfänglichen Lesen ist mir natürlich erst einmal der Umgang mit den verschiedenen Farben aufgefallen. So wird Frankreich blau dargestellt, Libyen ist rot und Syrien rot. Ihr seht in dem obigen Bild, dass die verschieden Länder bzw. Regierungen gegenseitigen Einfluss auf die Protagonisten haben. Die Farbgebung hat mir auch geholfen zu wissen, wo wir uns befinden, aber mehr noch wer was aus welchen Gründen sagt. Damit meine ich, wenn der Vater beispielsweise aus einem Buch von Gaddafi zitiert, hat dieses auch jeweils die Farbe des Landes und der Hintergrund war einfach klarer.

Hinzu kommt, dass es einfach eine sehr ungewöhliche Geschichte ist und die Familie immer wieder überlegt, wo sie wohl am besten leben kann. Dabei muss der Vater von Riad immer wieder damit umgehen, dass sich Erinnerung und heutige Realität komplett unterscheiden. Trotzdem gibt er nie die Hoffnung an sein Heimatland auf und verspricht sich dort eine bessere Zukunft für seine Familie. Dabei wirkt er an einigen Stellen jedoch naiv, unbedarft und träumerisch. Dennoch kann man als Leserin nachvollziehen, dass es ihn in sein Heimatland zieht. Dort erfährt er die Anerkennung für seine Arbeit, die er in Frankreich nie bekommen hat.

Da die Geschichte aus Sicht des Sohnes erzählt wird, werden diese Probleme der Eltern nur angeschnitten - so geschieht es auch mit der politischen Lage im jeweiligen Land. Man sollte ein wenig Vorwissen haben um die Untertöne der Geschichte begreifen zu können. Mir hat diese Naivität sehr zugesagt, weil es dadurch auch ein bisschen leichter geworden ist. Andere Probleme, wie das Finden von neuen Freunden stand im Vordergrund und man sich alles andere erst nach und nach erschließt.

Was mich gestört hat, ist, dass die Geschichte mit der Geburt Riads beginnt und in seinem 7. Lebensjahr endet. Wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich erst an Ereignisse als Fünfjährige. Nun habe ich natürlich nicht so viel in diesen ersten Jahren erlebt wie der Autor und vieles wurde ihm sicherlich auch im Nachhineinen erzählt. Dennoch bin ich ein logisch denkender Mensch und es gibt Szenen, da sind die Eltern nicht dabei. Kann er sich daran wirklich erinnern?

Schlussendlich ist die Kunst aber frei und es ist eigentlich auch unwichtig, an was er sich wirklich erinnern kann. Er zeigt sehr kreativ auf, was es heißt, zwischen verschieden Welten zu leben und wie diese einen schon in jungen Jahren prägen können - lustig, intelligent und unterhaltsam. Es wird noch einen weiteren Band geben, den ich in jedem Fall lesen werde. 

Das Buch kommt genau zur richtigen Zeit - vielleicht sollten einige Menschen dieses wirklich lesen und so andere Kulturen besser verstehen und aufhören zu hetzen.

RAHMENDATEN

Autor: Riad Sattouf
Hardcover: Februar 2015 - 19,99 € (Knaus) - ISBN 978-3-8135-0666-2
Umfang: circa 160 Seiten
Originalsprache: Französisch (L'Arabe Du Futur. Une Jeunesse auf Moyen Orient)
Nominierungen/Preise: Prix du meilleur album 2015

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