11. Juni 2015

Buch: Graphic Novel - my love # 1


Vor einigen Jahren fing die Süddeutsche Zeitung an Graphic Novels in Editionen heraus zu bringen. 2011 ging es mit der roten Edition los, in der unter anderen die verfilmte Graphic Novel »Persepolis« von Marjane Satrapi zu finden war. Da diese Edition so erfolgreich war, folgte ein Jahr später die blaue Reihe und 2013 die graue Edition. Im Gegensatz zu den ersten beiden Reihen beschäftigt sich die graue Edition ausschließlich mit dem Thema Krimi. Was alle vereint: Es sind immer gebundene Exemplare mit einem Lesebändchen und die einzelnen Editionen umfassen jeweils zehn Bände.


Wie ich damals auf die Editionen aufmerksam geworden bin, kann ich gar nicht mehr sagen, aber die ersten beiden Reihen stehen bei mir zu Hause und die dritte noch auf meiner Wunschliste. Und mit der ersten Edition habe ich auch angefangen mich für das Genre Graphic Novel zu interessieren...


... also habe ich vor einigen Wochen beschlossen, hier nicht nur über Bücher zu sprechen, die mich bewegen, sondern auch einzelne Graphic Novels vorzustellen, die ich gelesen habe. Denn was so großartig an diesem Genre ist, dass sie auf mehreren Ebenen Geschichten vermitteln und es unfassbar viele talentierte Künstler gibt. Außerdem möchte ich gerne dem Vorurteil entgegen wirken, dass solche Bücher nichts für Erwachsene sind und diese keinen literarischen Wert haben - wer einmal eine Graphic Novel gelesen hat, weiß, was für ein großer Unsinn das ist und dass die Literaturszene viel ärmer wäre ohne Graphic Novels.


Die ersten beiden Graphic Novels, die ich euch vorstellen möchte, sind zwar thematisch sehr unterschiedlich, dennoch behandeln sie beide die gleichen Themen: Unmenschlichkeit und Überleben.



In »Der Boxer« zeichnet Reinhard Kleist die Lebensgeschichte von Hertzko Haft nach. Grundlage seiner Graphic Novel war das Buch von Alan Haft, Sohn vom Protagonisten. Erst im hohen Alter erzählte ihm sein Vater Hertzko, was ihm während der langen Zeit in diversen Konzentrationslagern widerfahren war und wie er diese grausame Zeit überlebte.

Polen, 1939: Hertzko Haft ist 14 Jahre alt und hilft seinem Bruder Aria Lebensmitteln zu schmuggeln. Um diesen vor den Nazis zu retten, registriert er sich für ihn und kommt ins Konzentrationslager, in dem er schwerst körperlich arbeiten muss. Nach einiger Zeit wird sein Talent als Boxer von einem Aufseher entdeckt und er wird gezwungen gegen andere Häftlinge bis zum Tod zu kämpfen - als perfide Unterhaltung für die Leitung der KZs. Aber genau diese Kämpfe und sein stetes Gewinnen dieser sichern sein Überleben. Und er bleibt nicht der einzige, der diese Erniedrigung über sich ergehen lassen muss. So kann man im Anhang nachlesen, wie diese Boxkämpfe allein der Unterhaltung der Nazis diente, außerdem werden auch weitere Biografien von anderen Häftlingen, die als Boxer eingesetzt worden sind, nachgezeichnet. Nachdem Hertzko Haft diese grausame und dunkle Zeit überlebt hat, emigriert er in die USA und versucht dort seine Boxkarriere wieder anzukurbeln, doch die Vergangenheit und die Bilder lassen ihn nicht los.

Sein Talent für Biografien zeigte Reinhard Kleist schon in »Cash - I see darkness« und »Castro«, die beide wirklich sehr detailreich und sehr gut sind. Dennoch ist diese Graphic Novel noch deutlich besser und fast mehr als bloß eine Biografie. Wie in all seinen Büchern zeichnet Kleist ausschließlich mit schwarzem Strich und kann so das Dunkle, Grausame und die Entmenschlichung sehr gut zum Ausdruck bringen.

Oft geht es mir bei Büchern, dass ich mich nach dem Ende schnell in ein neues stürzte und so auch viele in einem Jahr konsumiere. Sehr selten passiert es mir, dass ich nach der letzten Seite lange dasitze und über die Geschichte nachdenke, wirklich selten. Bei 50 Büchern im Jahr vielleicht bei zwei bis drei. Und diese wahre Geschichte von Hartzko Haft ist so ein besonderes Buch, was mich mehrere Tage nach dem Lesen immer noch begleitet hat. Unbedingt lesen!

RAHMENDATEN

Hardcover: Juni 2012 - 16,90 € (Carlsen) - ISBN 978-3-551-78697-5
Umfang: circa 200 Seiten
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Originalsprache: Deutsch
Nominierungen/Preise: u. a. Deutscher Jugendliteraturpreis 2013 

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»Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens« schaute mich immer schon in meinem Buchladen des Vertrauens an, aber es ist mit knapp 30 € zu teuer für meinen Geldbeutel. (Natürlich ist mir bewusst, dass 30 € für ein fast 460 Seiten starkes Buch mit Farbabbildungen ein vertretbarer Preis ist.) Vor einigen Wochen sah ich es dann in der Bibliothek und konnte einfach nicht vorbei gehen und nahm es mit. Von der Geschichte wusste ich vor dem Lesen nicht, schon allein das Cover und der Titel waren so wunderbar, dass ich es lesen wollte.

Wie die andere Graphic Novel basiert auch diese von Ulli Lust auf wahren Geschehnissen und zwar von der Autorin selbst, die hier zwei Jahre ihres Lebens beschreibt.

Ulli lebt 1984 als Punkmädchen in Wien, weit weg von ihrem Elternhaus. Eines Tages trifft sie auf Edi, die ihr erzählt den Winter in Italien verbringen zu wollen. Die beiden Mädchen machen sich ohne Geld und ohne gültige Papier (Es sind die 80er Jahre - das Schengenabkommen ist noch nicht beschlossen.) auf in den Süden. In Rom schließen sich beide einer internationalen Punkgruppe an, doch Edi will weiter in den Süden. Durch eine Intrige verlieren sich die beiden Mädchen aus den Augen und Ulli ist auf sich allein gestellt. Alle Warnungen zum trotz als Frau allein in den Süden Italiens zu reisen, macht sie sich auf den Weg die undurchschaubare Edi zu suchen. Dort jedoch hat man als Frau wenig bis keine Rechte und die Mafia ist auch nicht weit.

Ulli Lust zeichnet in dieser Graphic Novel ein Bild Italiens, was den Klischees vollkommen gegenüber steht, was mich schockiert hat. Teilweise hat es mich an das sehr informative Sachbuch  »Cosa Nostra - Die Geschichte der Mafia« von John Dickie erinnert. Was ich an der Kombination von persönlicher Geschichte und der Politik Italiens toll fand, dass das Politische nie im Vordergrund steht, sondern zum einen durch den Anhang zum Ausdruck gebracht wird und zum anderen innerhalb des Textes eher unterschwellig mitschwingt. Hinzu kommt, dass der Text und die Bilder durch Tagebucheintragungen, Notizen und Fotos der Autorin ergänzt werden - einige sogar als Faksimile. Neben schwarzer Farbe wird einzig noch ein helles Grün verwendet um den einzelnen Bilder Tiefe zu geben.

Nach dem Lesen bleibt man erst einmal fraglos zurück und ist nur froh, dass es die Autorin es lebend aus Italien geschafft hat. Und man bewundert, wie unfassbar mutig sie war, nicht nur nach Italien zu reisen, sondern sich auch nicht selber zu verlieren und sich gegen die gewalttätigen Männer durchzusetzen. Ich hatte vorher keine Vorstellung um was es gehen wird und als ich angefangen habe zu lesen, konnte ich nicht mehr aufhören und habe es in einem Rutsch zu Ende gelesen. Ein Buch, was man als Frau gelesen haben sollte!

RAHMENDATEN

Autorin: Ulli Lust
Broschierte Ausgabe: Juni 2009 - 29,95 € (Avant Verlag) - ISBN 978-3-939080-36-7
Umfang: circa 460 Seiten
Altersempfehlung: ab 16 Jahren
Originalsprache: Deutsch
Nominierungen/Preise: u. a. Max und Moritz Publikumspreis 2010



Und welche Graphic Novel habt ihr zuletzt gelesen bzw. welche Graphic Novel liebt ihr? Ich bin glücklich über jeden weiteren Tipp!

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