29. März 2015

Listenlesen # 1: »Du stirbst nicht«

Im Vorfeld hatte ich ein wenig Angst vor dem Buch und vor meinem Plan alle prämierten Bücher der Leipziger und Frankfurter Buchmesse zu lesen. 21 Bücher, die als die besten des jeweiligen Jahres gelten und einen zwiespältigen Ruf haben. Das Feuilleton liebt und lobt die meisten Bücher, auf Grund der Sprache, des Themas und der Aussage. Aber wer liest die Bücher dann wirklich? Denn die beiden Preise haben ein ganz großes Problem: Sie sind mit einem riesigen Vorurteil behaftet. Sie sind schwierig, unlesbar, langweilig und nur etwas für Menschen, die für das Lesen bezahlt werden. Die breite Masse interessiert sich nicht für solche Preise oder kauft dann zwar die Bücher (ähnlich wie beim Literaturnobelpreis), liest sie aber nicht.

So hat meine gute Freundin C. als Teil eines größeren Projektes zum Beispiel untersucht, wie sich der Gewinn der beiden Preise auf die Spiegel Bestsellerliste auswirkt. Dabei muss man wissen, dass diese Listen nicht nach vermeintlicher Qualität zusammen gestellt werden, sondern lediglich nach Quantität. Das Buch, welches am meisten verkauft worden ist, steht auf Platz 1 u.s.w. Dabei fand sie heraus, dass der Gewinn des Buchpreises im Herbst eine große Auswirkung auf die Verkaufszahlen hat, der Preis der Leipziger Buchmesse im Frühling jedoch im Verhältnis unbedeutend ist und fast keinen Einfluss auf die Verkaufszahlen hat.

Gut, zurück zum gelesenen Buch und zur These, dass die Bücher nichts für die Masse sind. Ich fing mein Vorhaben mit dem Buch »Du stirbst nicht« von Kathrin Schmidt an. Okay, ein Buch hatte ich schon gelesen, bevor ich beschlossen hatte die Liste komplett abzuarbeiten: »Vor dem Fest« von Saša Stanišić. Und jetzt also die Gewinnerin des Buchpreises aus dem Jahr 2009. Und ja, es ist ein wunderbares Buch, was sich vor allem durch die Sprache und das Erinnern auszeichnet. Schon nach wenigen Seiten war ich gefangen in der Geschichte und das obwohl es wenige Dialoge gibt und fast nur Beschreibungen. Diese beiden Merkmale (direkte Sprache + wenig Beschreibung) sind für mich sonst existenziell für ein Buch und hier sind beide nicht gegeben, aber trotzdem habe ich dieses Buch geliebt und jede Seite genossen.


INHALT + EINDRUCK

Die Schriftstellerin Helene Wesendahl wacht in einem Krankenhaus auf, die Augen noch geschlossen und hört Geklimper und Geklirre. Sie kann nicht sprechen, kann sich nicht bewegen und kann sich an nichts erinnern. Helene lag zwei Wochen im Koma, überlebte einen Schlaganfall und das alles mit Mitte 40. Nach und nach kommen die Erinnerungen wieder - an ihre vor dem Ende stehende Ehe mit Matthes, an die gemeinsame Patchworkfamilie mit 5 Kindern und an ihr Leben vor, während und nach der Wende in Berlin und Brandenburg. Je mehr sie sich erinnert, desto häufiger denkt sie an den Namen »Viola«. Sie versucht zu ergründen, wie groß die Rolle dieser Frau in ihrem Leben war und ob diese ein Grund dafür hätte sein können sich von Matthes zu trennen. Zeitgleich zu den beschriebenen Erinnerungen erleben wir mit, wie sie sich zurück ins Leben kämpft, mit Rückschlägen umgeht und sich ihr Leben von Grund auf ändert.

Drei Motive durchziehen diesen Roman - Genesung, Erinnerung und Sprache:

Kathrin Schmidt stellt dar, wie es nach einem Schlaganfall weiter geht und wie schwierig es ist, seinen Körper wieder unter die eigene Kontrolle zu bringen. Und sie zeigt auf, wie sich die Menschen um einen verändern. Plötzlich ist man nicht mehr die emanzipierte Schriftstellerin, die unbesorgt lebt, sondern man wird »Die Kranke«. Krankenschwestern sprechen mit einem in einem sehr kindlichen Ton und auch ihr Ehemann nimmt ziemlich schnell die Position eines Pflegers ein und spricht nicht über Vergangenes. Und vor allem zeigt sie wie unfassbar schwierig es ist, sich von einer schweren Krankheit zu erholen und wie viel Geduld es braucht, wieder ein wenig man selbst zu werden.

Zum zweiten zeigt sich in ihren Erinnerungen ihr Leben und die Gesellschaft in der sie lebt. Helene lebt zur DDR Zeiten in einem Berliner Bezirk, der mir sehr vertraut ist, da ich dort einige Zeit verbracht habe und es mir sehr nahe war. In einzelnen kurzen Einschüben berichtet sie, wie die DDR für ihre Familie war, welche Einstellung sie zum Staat hatte und welche großen Veränderungen nach der Wende stattfanden. Diese Erinnerungen nehmen jedoch nicht den größten Teil ein, sondern ihre oben erwähnten Begegnungen mit Viola. Ich wusste dabei nie mehr als die Protagonistin und bin mit ihr gemeinsam auf Spurensuche gegangen. Man wird wie sie überrascht und begleitet sie zurück zu ihrem Gedächtnis.

Das dritte große Thema ist die Sprache. Helene kann am Anfang gar nicht mehr sprechen und das obwohl sie ihren Lebensunterhalt mit Literatur verdient. Sie denkt ganz viel und kann ihre Gedanken dann doch nicht ausdrücken und ist dadurch in ihrer eigenen Welt gefangen. Es ist demnach auch eine Hinwendung zur Sprache und eine Rückgewinnung der Sprache.

Und so ist mir erst beim Recherchieren aufgefallen, dass die Geschichte der Helene Wesendahl ganz nah an der eigenen Geschichte der Autorin ist, die 2002 einen Schlaganfall erlitt und gegenüber dem Deutschlandfunk sagte:
»Das Buch ist ja ziemlich nah angelegt - was die Krankengeschichte angeht zumindest - an meinem eigenen Schicksal. Und ich habe das tatsächlich so gesehen. Wie eine Schwester auf mich zukommt, was ich vielleicht intellektuell gar nicht erfassen kann. ... Und das war irgendwie das Verrückteste an dieser ganzen Situation, das ich bestimmte Dinge einfach nicht sagen konnte oder die Protagonistin einfach bestimmte Dinge nicht sagen kann, aber trotzdem ganz genau merkt, worum es eigentlich geht.« (Quelle: Büchermarkt)
Und im selben Gespräch erwähnte Kathrin Schmidt auch die Wiederkehr der Sprache und ihren persönlichen Umgang mit diesem Problem:
»Wir haben im Lektorat ziemlich lange überlegt, ob diese Frau wirklich so sein soll, weil es doch so nah an meinem eigenen Leben dran ist. Aber wir haben uns dann entschlossen, es so zu lassen, weil dieser Sprachverlust wirklich eine ganz existenzielle Seite hat, er ist ein Abschnitt vom Beschreiben können auch. Das ist einfach ein solcher Schnitt gewesen, dass diese Frau sich ganz mühsam wieder aufrappeln musste.« (Quelle: Büchermarkt)
Kathrin Schmidt verbindet die drei großen Themen des Romans so spielerisch und episodenhaft, so dass es nie anstrengend wird, das zu lesen. Wie Helene springt man von den Beschreibungen der Genesung zu Erinnerungsfetzen und zurück. Die einzelnen Passagen sind dabei sehr kurz und gehen maximal über 10 Seiten. Je mehr sie sich erinnert, desto länger werden diese einzelnen Abschnitte. Aber keine Angst, es ist nicht zusammengewürfelt. Die Genesung wird chronologisch erzählt, unterbrochen von Erinnerungen. So habe ich nie den roten Faden verloren und wusste immer an welchem Punkt der Geschichte ich bin.


FAZIT

Ich denke, dass dieser Roman nicht für jeden etwas ist, dass muss ich schon zugeben. Aber ich wurde unglaublich positiv überrascht, gerade von der einfachen und klaren Sprache der Autorin und von der Heilungsgeschichte. Ich habe gelernt, wie das Innenleben eines Menschen nach einer schweren Krankheit aussieht und wie schwierig es ist, da wieder heraus zu kommen.

Dazu kommt, dass ich sehr froh bin dieses Buch als erstes von der Liste gelesen habe. So wurde ich nicht von den vielen wichtigen deutschen Autorinnen und Autoren abgeschreckt und kann fröhlich gelaunt als nächstes Terézia Mora »Alle Tage« lesen.


RAHMENDATEN

Autorin: Kathrin Schmidt
Titel: »Du stirbst nicht«
Gebundene Ausgabe: Februar 2009 - 19,95€ (Kiepenheuer & Witsch) - ISBN 978-3-462-04098-2
Taschenbuchausgabe: Dezember 2010 - 9,99€ (btb Verlag) - ISBN 978-3-442-74113-7
Umfang: circa 350 Seiten
Hörbuch: Februar 2010 - 24,95€ (Audiobuch) - ISBN 978-3-89964-378-7
Originalsprache: deutsch
Nominierungen/Preise: Deutscher Buchpreis 2009, Preis der SWR-Bestenliste


BUCHPREIS 2009

Für den Deutschen Buchpreis 2009 wurden rund 150 Titel von Verlagen eingereicht, aus denen eine Jury 20 Titel auswählte, die auf der Longlist standen. Am 16. September wurden die fünf Finalisten (Shortlist) bekannt gegeben. Zu Beginn der Messe am 12. Oktober bekam Kathrin Schmidt den mit 25.000 Euro dotierten Buchpreis. Die anderen Finalisten bekamen jeweils 2.500 Euro.

Longlist mit Shortlist
  • Sibylle Berg »Der Mann schläft«
  • Mirko Bonné »Wie wir verschwinden«
  • Thomas Glavinic »Das Leben der Wünsche« 
  • Wolf Haas »Der Brenner und der liebe Gott«
  • Ernst-Wilhelm Händler »Welt aus Glas«
  • Anna Katharina Hahn »Kürzere Tage«
  • Reinhard Jirgl »Die Stille«
  • Brigitte Kronauer »Zwei schwarze Jäger«
  • Rainer Merkel »Lichtjahre entfernt«
  • Terézia Mora »Der einzige Mann auf dem Kontinent«
  • Herta Müller »Atemschaukel«
  • Angelika Overath »Flughafenfische«
  • Norbert Scheuer »Überm Rauschen«
  • Kathrin Schmidt »Du stirbst nicht«
  • Clemens J. Setz »Die Frequenzen«
  • Peter Stamm »Sieben Jahre«
  • Thomas Stangl »Was kommt«
  • Stephan Thome »Grenzgang«
  • David Wagner »Vier Äpfel«
  • Norbert Zähringer »Einer von vielen«


Begründung der Jury zu dem Gewinnerroman:

»Der Roman erzählt eine Geschichte von der Wiedergewinnung der Welt. Silbe für Silbe, Satz für Satz sucht die Heldin, nach einer Hirnblutung aus dem Koma erwacht, nach ihrer verlorenen Sprache, ihrem verlorenen Gedächtnis. Mal lakonisch, mal spöttisch, mal unheimlich schildert der Roman die Innenwelt der Kranken und lässt daraus mit großer Sprachkraft die Geschichte ihrer Familie, ihrer Ehe und einer nicht vorgesehenen, unerhörten Liebe herauswachsen. Zur Welt, die sie aus Fragmenten zusammensetzt, gehört die zerfallende DDR, gehören die Jahre zwischen Wiedervereinigung und dem Beginn unseres Jahrhunderts. So ist die individuelle Geschichte einer Wiederkehr vom Rande des Todes so unaufdringlich wie kunstvoll in den Echoraum der historisch-politischen Wendezeit gestellt.« (Quelle: Deutscher Buchpreis)

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