27. Januar 2015

Buch: »Vor dem Fest«

»Am Sportplatz, [...] steht ein Stein. Recht quadratisch, recht praktisch, zwei Meter hoch. Für Gedenktafeln wie geschaffen. Ein Findling. Gedenkfindling. Der Gedenkfindling gedenkt momentan niemanden. Von der letzten Gedenktafel sind die Löcher übrig, in dem steckt ein Zigarettenstummel.« (Seite 65)
»Mit "früher" meint Imboden, meinen alle, immer gleich die gesamte Vorwendezeit. Theoretisch kannst du mit "früher" auch das dunkelste Mittelalter meinen, aber auf keinen Fall Gerhard Schröder.« (Seite 57)

Nachdem ich mit meiner Freundin J. eine Lesung zu diesem Buch besuchte, war ich nun umso gespannter auf das dazugehörige Buch und wie es mir gefallen würde. Ist es wirklich so witzig, so wahr und so gut geschrieben, wie alle sagen? Ja, ja und doppeltes Ja. Ich wurde von der Geschichte des Dorfes nicht enttäuscht und habe vor allem seine Einwohner in mein literarisches Herz geschlossen.

INHALT + EINDRUCK

Saša Stanišić erzählt in seinem zweiten Roman* die Geschichte eines brandenburgisches Dorfes, welches sich auf ein jährlich Fest vorbereitet. Wir dürfen dabei mit den Bewohnern den Abend und die Nacht vor dem Fest erleben und erhalten einen Einblick in ihr Leben. 
»Es ist die Nacht vor dem Fest im uckermärkischen Fürstenfelde. Das Dorf schläft. Bis auf den Fährmann - der ist tot [Er stirbt im dritten Satz des ersten Kapitels]. Und Frau Kranz, die nachtblinde Malerin, die ihr Dorf zum ersten Mal bei Nacht zeigen will. Ein Glöckner und sein Lehrling wollen die Glocken läuten, das Problem ist bloß: die Glocken sind weg. Eine Füchsin sucht nach Eiern für ihre Jungen, und Herr Schramm, ein ehemaliger Oberstleutnant der NVA, findet mehr Gründe gegen das Leben als gegen das Rauchen.«
Die oben erwähnte Füchsin taucht immer wieder in kleinen Abschnitten auf, erzählt wie sie die Menschen erlebt und sucht in der Dunkelheit nach Essen. Neben den ausgewählte Dorfbewohner, die wir durch die Nacht begleiten, erfährt man auch, wie sich das Dorf über die Jahrhunderte entwickelt hat, die Menschen sich verändert haben und wie sie denken. 

Da gibt es beispielsweise Frau Kranz, die das ganze Dorf schon seit einem halben Jahrhundert malt und nun von einem Journalisten einer brandenburgischen Zeitung porträtiert wird. Vor dem Fest malt sie noch schnell den See in der Dunkelheit, da dieses Bild traditionell am Festtag versteigertwird.
»"Ist das Jesus?" Der Journalist ist an ein großformatiges Portrait herangetreten. "Das ist Manu aus der Eisdiele."« (Seite 91)
Eh spielt Tradition eine große Rolle, so wird das Fest schon seit Jahrhunderten gefeiert, dabei weiß keiner so genau warum. Auch existiert ein Heimatmuseum, in dem in zahlreichen Ordner die lange Geschichte des Ortes erzählt wird. In kurzen Einschüben kann man die alten Geschichten nachlesen und sich wundern über diesen fantastischen Ort mitten in Brandenburg.

Man merkt schnell, dass das Buch aus vielen kleinen Kapiteln besteht, in denen wir die Figuren, die Füchsin und die Geschichte begleiteten und am Ende wie ein Puzzle zusammengesetzt wird. So können dreißig Seiten vergehen, bis eine bestimmte Geschichte weiter geht, was für mich den Reiz ausgemacht hat. Es wird zeitlich chronologisch erzählt und man springt von einer zu anderen Figur - vergessen werden sie dabei nie.

Der Grund dafür ist vor allem das intensive Einfühlen von Stanišić in die verschiedenen Figuren. Für sie alle fand er eine unterschiedliche Sprache. Eh die Sprache: Jeder Satz ist so gut konstruiert und überdacht, dass es einfach nur Spaß macht, die Geschichten zu hören. Dabei bestehen viele Sätze durch Witz (mit einem Fünkchen Wahrheit), sodass ich laut auflachen musste.
»"Rumänien raus" stand danach groß und schräg auf einem der Container, aber irgendwie leise, weil weiß gesprayt auf gelb und weil das Ausrufezeichen fehlte und so hing das eine Zeitlang da, bis ein verschlafener Rumäne eines Morgens aus dem Container stieg, sich den Spruch eine Zigarette lang ansah, Tesafilm und Toilettenpapier holte und aus dem "r" in "raus" ein "H" machte und hinter "Rumänien" einen Bindestrich zog, [...].« (Seite 291)
Man merkt richtig wie viel Spaß es ihm gemacht haben muss dieses Buch zu schreiben und mit der Sprache zu spielen. Ich liebe eh Bücher, in denen nicht klassisch geschrieben wird, sondern Wörter gestrichen sind, über Seiten wiederholt werden oder einzelne Abschnitte mit Hand geschrieben sind. Einzelne Elemente davon kommen auch hier vor und ich habe mich darüber so gefreut, da es gut überlegt und eingesetzt wurde.

Was ich nicht vergessen sollte, Politik spielt im Hintergrund immer eine Rolle. So wird des Öfteren über die DDR gesprochen und auch der Rechtsradikalismus kommt an der einen oder anderen Stelle vor, wird ernst genommen, aber auch konterkariert. So wie das Dorf, ist Brandenburg nicht homogen und weißt politisch die unterschiedlichsten Einstellungen auf.
»Solange noch ein DDR-Fön irgendwo Haare trocken kriegt, ist die DDR nicht tot.« (Seite 156)
»Demografisch gesehen sollten meine Hobbys Ego-Shooter und rechtes Gedankengut sein. Beides ist aber gar nicht so geil.« (Seite 130) 

FAZIT

»Vor dem Fest« ist ein tolles und intelligentes Buch, was mir gut gefallen hat. Es ist allerdings kein Buch zum Weglesen, da man sich bei einigen Abschnitten sehr konzentrieren muss. Schwer getan habe ich mich vor allem mit den alten Geschichten. Hier, wie bei den Figuren, wurde eine eigene Sprache gefunden, die vom modernen Deutsch deutlich abweicht und die für mich nicht leicht zu verstehen war. Aber das ist ein kleiner Teil des Romanes, der sonst gut konstruiert ist, tolle Charaktere hat und Freude macht zu lesen.


RAHMENDATEN

Autor: Saša Stanišić
Gebundenen Ausgabe: März 2014 - 19,99 € (Luchterhand) - ISBN 978-3-630-87243-8
Umfang: 315 Seiten
Originalsprache: deutsch
Nominierungen/Preise: Preis der Leipziger Buchmesse 2014, Longlist Deutscher Buchpreis 2014



*Sein erster Roman »Wie der Soldat das Grammofon reparierte« erschien 2006 und erhielt auch zahlreiche Preise. Er ist gleich auf meine Wunschliste gewandert, war ja irgendwie klar.


An dieser Stelle danke ich dem Luchterhand Verlag, der mir freundlicherweise ein Presseexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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