9. Dezember 2014

Buch: »Jenseits der blauen Grenze«

Was veranlasst zwei junge Menschen über die Ostsee 50 Kilometer nach Westen zu schwimmen? Was sind die Gründe für Hanna und Andreas im Sommer 1989 die DDR für immer zu verlassen und den möglichen Tod in Kauf zu nehmen? Was war die DDR für ein Staat und wie ging er mit jungen Menschen um, die nicht im Gleichschritt den Staat gefolgt sind? Wie war es damals vor 25/30 Jahren in Deutschland zu leben, wie war es in der DDR zu leben?

Diese Fragen und noch viel mehr beantwortet das Buch »Jenseits der blauen Grenze« von der Autorin Dorit Linke. Die Autorin selbst wurde 1971 in Rostock geboren, war Leistungs- und Rettungs-schwimmerin und nahm an den Montags-demonstrationen aktiv teil.

»Die DDR im August 1989: Hanna und Andreas sind in das Visier der Staatsmacht geraten und müssen ihre Zukunftspläne von Studium und Wunschberuf aufgeben. Stattdessen sehen sie sich Willkür, Misstrauen und Repressalien ausgesetzt. Ihre einzige Chance auf ein selbstbestimmtes Leben liegt in der Flucht über die Ostsee. Fünfzig Kilometer Wasser trennen sie von der Freiheit - und nur ein dünnes Seil, das ihre Handgelenke verbindet, rettet sie von der absoluten Einsamkeit...«

INHALT + EINDRUCK

Die unglaubliche Geschichte wird aus der Sicht von Hanna erzählt, die mit ihrem besten Freund Andreas in Rostock an der Ostsee wohnt und sich dazu entscheiden zusammen über die Ostsee in den Westen zu schwimmen um die DDR zu verlassen. Als sie sich dazu entschließen sind die beiden circa 16 Jahre alt und schon ziemlich oft mit dem Staat aneinander geraten.
Hanna selbst ist Schwimmerin und hat gute Aussichten in den Leistungskader übernommen zu werden. Aber leider entwickelt sie sich nicht im Sinne des Staates, ist aufmüpfig und darf durch einen blöden Umstand ihr Abitur nicht ablegen - genauso wenig wie Andreas, dem noch schlimmeres als Hanna widerfährt: Er muss in den Jugendwerkhof Torgau und erlebt dort Grausames. Nun arbeiten sie gemeinsam in einem staatlichen Unternehmen und sind der Schikane des Staates ausgesetzt. So beschließen sie zusammen über die Ostsee in den Westen zu schwimmen.
»Warum? Das fragst du noch? Weil ich niemals den Beruf haben werde, den ich haben will. Ich werde niemals sagen können, was ich denke. Ich werde immer lügen müssen. Und ich werde immer anecken. Keinem erklärt einem hier irgendwas. Man muss Befehle befolgen können, das ist alles. Jeder Idiot kann das. Sie müssen das so machen! Und nicht anders! Keine Widerrede!« (S. 271)
Dabei wechseln sich immer die Kapitel ab, in denen darüber berichtet wird, wie sie den Entschluss fassen über die Ostsee zu schwimmen und Kapitel in denen sie schon auf ihrer Flucht sind. Das wirkt jetzt alles sehr traurig, ernst und nicht unterhaltsam - dem ist aber nicht so. Ich habe in der letzten Zeit selten ein Buch gelesen, was mich gleichzeitig so zum Nachdenken und zum Lachen gebracht hat. So ist Hannas Opa beispielsweise eine so komische und reflektierte Person, die immer wieder Ärger macht, lustige und politische Aktionen durchführt und mit Hanna frei redet und so einige Wahrheiten über die DDR erzählt.
»Ich [...] las die Matheaufgabe laut vor: "Am ersten Mai soll in Reihen zu 12 angetreten werden. Wie viele Reihen bilden die Werktätigen eines Betriebes, in dem 1176 Beschäftigte sind, wenn 48 Werktätige nicht teilnehmen können?"         "Mich kannst du gleich abziehen", sagte Opa, "ich geh da nicht hin. Also 49.« (Seite 35)
Hinzu kommt ein weiterer Freund aus Sachsen, Paul, der so skurril und lustig ist und immer wieder Witze über die DDR, Honecker und die Stasi erzählt. Er sammelt die Comics von der Sparkasse, die meine Kindheit auch noch begleitet haben, was irgendwie witzig ist.
»Reagan, Gorbatschow und Honecker fragen den lieben Gott was im Jahr 2000 sein wird. Zu Reagan sagt der liebe Gott: Im Jahr 2000 werden die USA kommunistisch sein. [...] Da wendet sich Reagan ab und weint ganz bitterlich. Und was wird mit der Sowjetunion?, fragt Gorbatschow. Die Sowjetunion, sagt der liebe Gott, wird es nicht mehr geben. Sie wird aufgesogen sein vom Großchinesischen Reich. Da wendet sich Gorbatschow ab und weint ganz bitterlich. [...] Und wo steht die DDR im Jahr 2000?, fragt Honecker. Da wendet sich der liebe Gott ab und weint.  Ganz bitterlich.« (Seite 153f.)
Ich kenne mich recht gut in der Geschichte der DDR aus und ich finde dieses Buch sollten Jugendliche und alle lesen, die etwas über die DDR lernen wollen, da es auf einfache und anschauliche Art und Weise beschreibt, wie es für junge Menschen war in einem autokratischen Staat zu leben. So braucht man nicht unbedingt Vorwissen, wichtige Begriffe werden am Ende in einem Glossar erläutert und es regt zur Diskussion an, was geschehen muss um 50 Kilomenter zu schwimmen. Und diese 50 Kilometer sind wirklich kein Zuckerschlecken. Ich habe eine Schwimmerin in der Familie, die an einem 24 Stunden Schwimmen in einer Halle teilgenommen hat und nur alle 2 Stunden schwamm und mir sagte, dass sie schon da am Ende war.

FAZIT

»Jenseits der blauen Grenze« ist für mich eins der tollsten Bücher, das ich je über die DDR  Geschichte gelesen habe. Es vereint unterhaltsame, witzige kleine Momente als auch große Dramatik in einem Buch. Es bleibt lange nach dem Lesen noch im Kopf und natürlich wirft die nicht zu beantwortenden Frage auf: Wie hätte ich gehandelt? Was hätte ich getan? Hätte ich es gewagt?

RAHMENDATEN


Autorin: Dorit Linke
Gebundenen Ausgabe: Juli 2014 - 16,95 € (Magellan) - ISBN 978-3-7348-5602-0
Umfang: 303 Seiten
Originalsprache: deutsch
Nominierungen/Preise: ---



An dieser Stelle danke ich dem Magellan Verlag, der mir freundlicherweise ein Presseexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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